gekommen und geblieben. Daliborka Markovic (42) kam aus Serbien

Große Sehnsucht nach der Mutter

von Heidi Rinke-Jarosch
Trotz anfänglicher Zweifel hat sich Markovic hier rasch zurechtgefunden.  HRJ

Trotz anfänglicher Zweifel hat sich Markovic hier rasch zurechtgefunden.  HRJ

Daliborka Markovic ist ihrem Ehemann nach Vorarlberg gefolgt.

NENZING Daliborka Markovic hat das Weihnachtsfest noch vor sich. Als serbisch-orthodoxe Christin feiert sie Jesu Geburt am 7. Jänner, nach dem julianischen Kalender. Sie sollte bereits mit ihrer Familie in Serbien sein, um das Fest mit ihrer Mutter zu feiern. Wie üblich. Corona hat jedoch ihre Reisepläne vereitelt. Außerdem ist der dritte Lockdown in Kraft. Demzufolge findet ihr diesjähriges Weihnachtsfest hier, in der Siedlungswohnung in Nenzing statt, nur mit dem Ehemann und den zwei Töchtern. Das stimmt die 42-Jährige traurig, denn die Mutter ist schwerkrank.

Daliborka Markovic lebt seit 16 Jahren in Vorarlberg. Ihr Mann Zvezdan hat sie nach der Heirat aus Prokuplje geholt. Auch er kommt aus dieser Stadt im Süden Serbiens, in der Daliborka am 17. September 1978 zur Welt gekommen ist. Aufgewachsen ist sie mit ihren Eltern und einem älteren Bruder in Pristina, der Hauptstadt des Kosovo. 1987 kehrt die Familie zurück nach Prokuplje. Daliborka zieht jedoch zehn Jahre später, nach der Matura am mathematischen Gymnasium, wieder nach Pristina, um an der dortigen Philosophischen Universität Geschichte zu studieren.

Zvezdan kommt dazwischen

Zu dem Zeitpunkt ist der Kosovo noch Teil von Jugoslawien, das seit Kriegsbeginn im Sommer 1991 auseinanderfällt. Slowenien, Kroatien und Bosnien haben bereits die Unabhängigkeit erkämpft. 1997 hat sich der Krieg in den Kosovo verlagert, im Jahr darauf bricht er dort voll aus. Die Kämpfe zwischen jugoslawisch-serbischer Armee und der UÇK (als „Befreiungsarmee des Kosovo“ agierende albanische Paramilitärs) werden überwiegend auf ländlichem Gebiet ausgetragen, die Hauptstadt bleibt vorerst verschont. So kann Daliborka Markovic ihrem Studium noch nachgehen.

Am 24. März 1999 startet die Nato mit der Bombardierung von Zielen in Serbien, Montenegro und Kosovo, darunter Pristina. Für die Studentin heißt das, ihr Studium in Serbien fortzusetzen. Im letzten Studienjahr, in dem Daliborka auch in der Kulturabteilung von Prokuplje arbeitet, gibt sie auf, „weil Zvezdan dazwischengekommen ist“. Das Paar lässt sich in ihrer Heimatstadt trauen, dann folgt sie ihm nach Vorarlberg, wo er seit seiner Kindheit lebt.

„Oje“, rutscht es ihr in Erinnerung an ihren ersten Tag in Nenzing heraus. Sie kommt am 8. August 2004, einem warmen Sommertag, als Touristin an: „Mein erster Eindruck war, in diesem Dorf ist gar nichts los. Wo sind die Menschen, die hier leben?“ Verständlich. Denn im Vergleich zu Nenzing ist Prokuplje eine pulsierende Großstadt. Dazu kommt, dass die damals 26-jährige Serbin neben ihrer Muttersprache zwar Englisch und Russisch spricht, aber kein Wort Deutsch. „Am Anfang habe ich daran gezweifelt, ob ich hier jemals zurechtkommen kann“, erinnert sie sich.

Vier Wochen später ist sie wieder in Prokuplje. Zweimal noch kommt sie mit Touristenvisa nach Vorarlberg, am 30. Dezember 2005 beginnt sie hier mit ihrer im gleichen Jahr geborenen Tochter Dajana einen neuen Lebensabschnitt. Die zweite Tochter Tijana kommt 2009 zur Welt.

„Die Geburten meiner Kinder waren die schönsten Momente in meinem Leben“, lässt sie wissen. Der traurigste Moment sei der Tod des Vaters gewesen: „Als er am 1. Jänner 2015 an den Folgen von Lungenkrebs starb, wohnte ich bereits hier. Darum habe ihn nicht begleiten können.“

Ihre anfänglichen Zweifel erweisen sich als unbegründet: Sie findet sich rasch zurecht im kleinen Dorf, im fremden Land. Innerhalb eines Jahres lernt sie Deutsch. Dann sucht sie Arbeit: „Mein erster Job war Kassiererin bei McDonald’s“, erzählt sie. Eineinhalb Jahre später wechselt sie zum Bekleidungsunternehmen C&A in Bludenz. Seit zwei Jahren ist sie im Schmuckvertrieb Luna beschäftigt – als Vollzeitkraft. Um 17 Uhr kommt sie heim, dann stehen Haushalt und Lernen mit den Töchtern an. Dajana geht in die Handelsakademie, Tijana in die Mittelschule.

Russische Agentin

Trotz beruflicher und familiärer Auslastung hat Daliborka Markovic beim Charity-Film „Golden Board“ mitgespielt, den der Feldkircher Filmemacher Niko Mylonas mit Zvezan Markovic von 2018 bis 2019 gedreht hat. In dem mit Laiendarstellern produzierten Ländle-Agententhriller mimt die attraktive Serbin eine russische Agentin. „Ein tolles Erlebnis war das“, schwärmt Daliborka Markovic.

Heimweh? Ja. Vor allem wegen der Mutter, die sie, bedingt durch Corona, ein Jahr lang nicht gesehen hat: „Hoffentlich ist Corona bald vorbei, und ich kann endlich wieder meine Mutter umarmen.“

„Mein erster Eindruck war, in diesem Dorf ist gar nichts los.“

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