Zum Vierten Advent. Ein ganz besonderer Advent

Eine Amme für verirrte Seelen

Verkündigung: Detail aus dem Gnadenaltar der Mehrerau aus der Ulmer Schule um 1495. TM

Verkündigung: Detail aus dem Gnadenaltar der Mehrerau aus der Ulmer Schule um 1495. TM

Für Frauen war der Weg in die Einsamkeit gefährlich und hart. Und sie gingen ihn doch.

Schwarzach Salopp ist meist nur von Wüstenvätern die Rede. Sie waren die Aussteiger des frühen Christentums. Harte Burschen, zu allem bereit. „Ich bin dann mal weg“, aber für richtige Haudegen. Nur, ein Monopol auf den radikalen Lebensentwurf hatten sie nicht. Deshalb wird die Augsburger Theologin und Philosophin Katharina Ceming auch nicht müde, auch von Wüstenmüttern zu reden, deren Entscheidung für die Einsamkeit aus vielerlei Gründen dem heutigen Betrachter noch weit mehr Respekt abverlangt.

Vierter Advent. Der letzte Sonntag vor Weihnachten. Katholische und evangelische Kirche stellen gleichermaßen an diesem Tag die Vorgeschichte der Geburt Jesu in den Mittelpunkt. Immer wieder erzählen die alten Texte davon, wie ein Abgesandter Gottes zu einer jungen, ledigen Hebräerin kommt und ihr ankündigt, dass sie demnächst schwanger wird. Ihr Kind werde ein König werden, wie man dergleichen noch nicht sah. Die Erzähler schildern ihr Erstaunen und wie sie sich dennoch fügt in diese so völlig verrückte Prophezeiung.

Dieser Maria, der Mutter des Gotteskindes, und dieser Szene der Verkündigung durch den Engel hat die Kunst über die Jahrhunderte einen prächtigen, mitunter höchst fantasievollen Rahmen geschaffen. Mal ist die junge Frau, die mit Sicherheit nicht lesen konnte, in fromme Lektüre vertieft. Mal thront sie – aus einfachster Familie stammend – unter einem goldenen Baldachin. Meist trägt sie überreiche Gewänder. Der Renaissancemaler Carlo Crivelli lässt den Engel der Verkündigung 1486 sogar in Begleitung eines Mannes namens Emygdius auftreten, der das Modell einer Stadt in der rechten Hand balanciert. Wie das? Emygdius war Bischof der Stadt Ascoli Piceno in Mittelitalien. Er wurde in der Christenverfolgung des römischen Kaisers Diokletian enthauptet. Seine Fürsprache soll die Stadt Ascoli Piceno 1703 vor einem Erdbeben gerettet haben, deshalb das Stadtmodell. Wie gesagt, der Ideenreichtum der Künstler war schier grenzenlos.

Wenn man den Zierrat der Jahrhunderte beiseite räumt, bleibt vermutlich eine ziemlich verunsicherte junge Frau übrig – nach den Maßstäben des 20. Jahrhunderts fast noch ein Kind – deren Lage sich etwas verbessert, weil ihr Verlobter sie nicht sitzen lässt, obwohl sie schwanger ist, und zwar nicht von ihm. Was ihr da verheißen wurde, ist völlig kaum nachvollziehbar. Dennoch lässt sie sich darauf ein. In die totale Ungewissheit. Vielleicht passt von den Adventsonntagen 2020 der vierte am besten in dieses Jahr, das uns aller unserer Sicherheiten so gründlich beraubt hat.

Auch die Wüstenmütter wagten laut Katharina Ceming den Schritt ins Unbekannte. Sie folgten prominenten Vorbildern. Schon die Propheten des Alten Testaments zogen sich immer wieder in die Einsamkeit der judäischen Wüste zurück, um sich neu auszurichten. Nach Antonius, der die frühchristliche Bewegung der Eremiten im vierten Jahrhundert angestoßen hatte, verließen damals viele Männer und Frauen ihre Familien und zogen in den lebensfeindlichen Raum der Wüste. Wie die frühen Apostel ließen sie alles stehen und liegen und folgten dem Ruf Jesu Christi.

Vom Ideal befreien

Die Frauen mussten ungeheure Energien aufbringen, um sich aus dem herkömmlichen Ideal eines Frauenlebens zu befreien und eigene Wege zu gehen. Klöster gab es noch nicht. Sie entstanden erst aus dieser Wüstenbewegung heraus. Ein Singleleben als Frau, wie es heute ganz normal geworden ist, war zur damaligen Zeit undenkbar. Die Situation von Frauen in der Spätantike wird von einer Betroffenen namens Synkletika, die aus einer reichen Familie gestammt haben soll, in ihrer Lebensgeschichte so beschrieben: „Gerade Frauen erfahren im Allgemeinen in dieser Welt mehr Feindseligkeit. Sie gebären Kinder in Schmerzen und Gefahren, sie leiden geduldig, wenn sie die Kinder stillen, sie teilen die Krankheiten mit ihren Kindern … die Mühe nimmt kein Ende. Denn entweder sind die Kinder, die sie geboren haben, am Körper verkrüppelt, oder sie wachsen in Bosheit heran und bringen ihre Eltern heimtückisch ums Leben … Wenn Frauen gebären, sterben sie vor Schmerz, doch wenn sie keine Kinder bekommen, wirft man ihnen Unfruchtbarkeit und Kinderlosigkeit vor, was sie vor Gram zugrunde gehen lässt.“ Kein Wunder, dass manche Frauen bei ihrem Auszug in die Wüste Männerkleidung anlegten, um nicht erkannt oder vergewaltigt zu werden. Wie ihre männlichen Kollegen auch verdienten sie ihren Lebensunterhalt durch Handarbeit, trotzten dem Boden wenig Essbares ab und machten sich als Ratgeberinnen wie etwa die heilige Sarra, die heilige Melania oder die heilige Theodora einen Namen. Man nannte diese Frauen „Amma“. Wie die Amme sich um fremde Kinder kümmert, kümmerten sie sich um die Seelen der anderen. TM

Lesen Sie am 24. Dezember das Weihnachtsinterview mit dem Mehrerauer Abt Vinzenz Wohlwendt.

„Wenn manche Wüstenmütter so taten, als wären sie Männer, dann zum eigenen Schutz.“

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