Kommentar

Julia Ortner

Gute Gefühle gegen die Erschöpfung

„Reiten, reiten, reiten durch den Tag, durch die Nacht, durch den Tag. Reiten, reiten, reiten. Und der Mut ist so müde geworden und die Sehnsucht so groß.“ Diese zeitlos schönen Zeilen aus Rainer Maria Rilkes 1899 entstandener Erzählung „Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“ passen zum kollektiven Gefühl am Ende dieses Pandemie-Jahres. Wer heute behauptet, nicht manchmal erschöpft, genervt oder traurig zu sein, ist wohl nicht ganz aufrichtig. Oder verdrängt einfach besser als die anderen. Wenn nach wie vor alleine in Österreich täglich mehr als hundert Menschen am Coronavirus sterben, kann man nicht guter Dinge sein. Wir leben in einem Albtraum.

Die Erschöpfung der Gesellschaft offenbart sich auch bei der leider überschaubaren Teilnahme­freudigkeit an den kostenlosen Massentests. Obwohl Länder, Bundesheer, Ehrenamtliche hier Beeindruckendes geleistet haben, wollten sich nur zwei Millionen Menschen im Land testen lassen; in Tirol und Vorarlberg waren immerhin etwas mehr als 30 Prozent bei den Tests, in Wien nicht einmal 14 Prozent. Neben der Gruppe jener, die lieber an Verschwörungen und nicht an die Gefährlichkeit des Virus glauben, sind viele andere entnervt von den Mühen des Pandemiejahres. Das ist menschlich nachvollziehbar.

Kann man die Leute also mit Geld oder Gutscheinen in die Teststraßen und dann nächstes Jahr vielleicht zur Corona-Impfung locken? Schwierig, denn mit Geld kann man nicht alles kaufen; gerade nicht, wenn es darum geht, Menschen zu überzeugen und ihnen Ängste durch möglichst breite Information zu nehmen. Mit Belehrungen von oben herab wird man ebenfalls nicht weit kommen, so auf die Art: Jeder anständige Mensch muss zum Test, zur Impfung.

Ja, es wird noch ein mühsamer, langer Weg, bis wir die Pandemie besser im Griff haben. Was jetzt helfen kann, neben großen Aufklärungskampagnen zur Impfung: Motivation durch gute Beispiele (vom beliebten Schauspieler oder der renommierten Schriftstellerin bis hin zu erfolgreichen YouTubern oder Instagram-Influencerinnen, die gezielt junge Leute ansprechen) und eine positive Erzählung – wenn wir jetzt durchhalten, wenn sich diejenigen von uns, bei denen gesundheitlich nichts dagegenspricht, impfen lassen, dann werden wir Covid-19 gemeinsam bezwingen! Der Albtraum wird mit der Impfung enden!

Wenn die Amerikaner nun mit Fernseh-Live-Bildern der ersten Flugzeug-Lieferung des Impfstoffes („a flight of hope“, ein Flug der Hoffnung) vorweihnachtlichen Kitsch bedienen, zeigen sie vor, wie man es macht. Der Müdigkeit und der Hoffnungslosigkeit sollte man nun positive Bilder entgegensetzen. Wir können gute Gefühle dringend gebrauchen.

Julia Ortner

julia.ortner@vn.at

Julia Ortner ist Journalistin mit Vorarlberger Wurzeln, lebt in Wien und arbeitet für den ORF-Report.

„Mit Belehrungen wird man nicht weit kommen, so auf die Art: Jeder anständige Mensch muss zum Test, zur Impfung.“

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