Kommentar

Reinhold Bilgeri

Erlösung

Frau Ammann und die Weihnachtszeit, das ist eine Liebesgeschichte. Eine Prägung aus behüteter Kindheit, jedenfalls gehen ihr die Dezemberwochen ans Herz wie kein anderer Monat. Dabei war der Advent in Urzeiten als Fastenzeit gedacht, ein Harren in Askese, bevor er ein lärmender Jahrmarkt wurde. Die alten Kirchendenker hatten wohl anderes im Sinn, Kontemplation und Vorfreude, um der Wartezeit ein Gesicht zu geben: Hoffnung. Hoffnung auf Erlösung. Passt gut, heuer, sagt Frau Ammann, zündet die zweite Kerze an und gibt sich endlich der Stille hin. Die Verordnung hätte sie gar nicht gebraucht – und sie zieht Bilanz.

Angst und Disziplin

Im Jänner, zum Einstieg, setzt sich ein Virus in die Welt und bringt sie gleich wieder zum Stillstand. Gesundheit, Wirtschaft und Seelenheil der Menschheit geraten ins Trudeln. Im März werden in den Epizentren Friedhöfe vergrößert und Massengräber ausgehoben, das erzeugt Angst und Disziplin. Im April empfiehlt Amerikas Präsident Desinfektionsmittel zu spritzen, die Welt wendet sich mit Grausen. Bei uns werden Abstandhalten, Masken und Händewaschen empfohlen und die Kurven sinken gehorsam. Den Sommer feiern wir brav daheim und werden dabei lasch und lascher. Die Angst verfliegt und auch die Disziplin. Schwerer Fehler.

Am Amazonas wüten Feuer im Regenwald, gefräßiger denn je. Im August fliegt Beirut in die Luft und einen Monat später versinkt Moria in Schutt und Asche. Bei uns schlägt das Virus zurück. Die zweite Welle. Kurz vor der Triage der nächste Lockdown. Noch am Vorabend greift in Wien ein verirrter Gotteskrieger zum Sturmgewehr, tötet und verletzt und nimmt uns die ganze Freude an Bidens Wahlsieg. Trump lümmelt noch durchs Oval Office und kann‘s nicht fassen. In Australien treibt die Sonne die Menschen ins Meer, bei 50 Grad im Schatten.

Lieber Gott, guter Mann

Advent, Advent, ein Kerzlein brennt, nein, zwei und bald schon drei und vier. Ich spür Frau Ammann neben mir. Sie schenkt sich einen Baileys ein, öffnet die Keksdose und beginnt zu sündigen. Draußen taumeln fette Schneeflocken ins Grün.

Vielleicht wird der Heilige Abend wieder mal weiß, auch im Rheintal, wie früher, in ihrer Kindheit, als man nach einem langen Skitag noch bis vor die Haustür fahren konnte. Mit den Skiern. Sie legt ihre gestreckten Beine auf dem Küchentisch übereinander, nippt am Glas, und lässt den lieben Gott einen guten Mann sein. Dabei sieht sie zum Fenster hinaus, über den See, ins träge Grau, ins verwehende Jahr 2020 – gleich zwei Nullen, das musste ja schiefgehn. Schnee drüber – und Ende Ammann. Prost.

Reinhold Bilgeri

reinhold.bilgeri@vn.at

Reinhold Bilgeri ist Musiker, Schriftsteller und Filmemacher, er lebt als freischaffender Künstler in Lochau.

„Advent, Advent, ein Kerzlein brennt, nein, zwei und bald schon drei und vier.“

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