ZUM ZWEITEN ADVENT. Die Erfahrung der Stille

„Bleib in deinem Kellion!“

Augenblicke des völligen Innehaltens können oft köstliche Ausblicke bescheren.  VN/Steurer

Augenblicke des völligen Innehaltens können oft köstliche Ausblicke bescheren.  VN/Steurer

Einmal nichts tun, nicht einmal denken. Wie schwierig ist das denn?

Schwarzach Wer wie Katharina Ceming (50) den Wüstenvätern und -müttern aus dem 4. Jahrhundert in Gedanken folgt, stößt rasch auf elementare menschliche Erfahrungen. Die Augsburger Theologin, Philosophin und Publizistin räumt zunächst mit jeder romantischen Vorstellung auf, dass da lauter Heilige fromm dem Himmel entgegenschmachteten. Vielmehr muss man sich die Wüstenmenschen als Aussteiger vorstellen, die zunächst einmal alle gängigen Konventionen hinter sich lassen.

Warum tun sie das? Am zweiten Advent erinnert die Kirche an die Umkehrpredigten von Johannes dem Täufer und die Wüstenvätertradition zeichnet ein schönes Bild: Der Mensch muss sein kostbarstes Gefäß, seine Seele, in die sich Gott ergießen soll, zuerst leeren und reinigen, denn in einen bereits gefüllten Krug passt nichts mehr hinein. Das aber, was den Krug randvoll gefüllt hat, ist der menschliche Eigenwille, sind seine Begierden, Wünsche und Sehnsüchte.

Abgeschiedenheit

Um dieses Gefäß der menschlichen Seele zu reinigen, empfahlen fast alle großen Mystiker und Mystikerinnen der Geschichte den Weg in die innere Stille. Meister Eckhart, ein einflussreicher thüringischer Theologe und Philosoph des Spätmittelalters, nannte diese innere Stille die Abgeschiedenheit. Faszinierend an seiner Vorstellung ist, dass diese Abgeschiedenheit an keine räumliche Gegebenheit gebunden ist. Ein Bauer auf dem Feld kann in die gleiche innere Abgeschiedenheit gelangen wie der Mönch oder die Nonne in ihrer Klosterzelle. Es geht um eine innere Haltung.

Und wie erlangt man die? „Bleib in deinem Kellion!“, raten die erfahrenen Wüstenväter den Neuankömmlingen. Das Kellion ist nichts weiter als eine Lehmhütte. Dort sitzen die Eremiten. Ihren Lebensunterhalt verdienen sie, indem sie Matten flechten und Seile drehen. Sie verrichten simpelste Tätigkeiten ohne den geringsten intellektuellen Anspruch. Sie beten auch einfach. Wiederholen ein- und denselben Satz wieder und wieder. Das ist alles? Das ist viel! Wer sich schon einmal in fernöstlicher Meditation versucht hat, kann ein Lied davon singen. Jänner 2020, Sri Lanka. In einem buddhistischen Kloster haben sich Touristen versammelt. Ein Mönch gibt Unterweisungen.

Nur sitzen und nichts denken

Da sitzen sie also devot – die mitunter sonst in Europa ihre Mitarbeiter zur Weißglut treiben oder in unerfüllten Partnerschaften ihr Leben fristen – und lauschen dem Meister. Wenig später wird er ihnen die Kleinigkeit abverlangen, einfach mal eine Minute lang nichts zu denken. Ohne Stöpsel im Ohr, ohne fahrigen Blick aufs Pulsmessgerät. Nur sitzen und nichts denken. Und dann legen sie los. Kneifen die Augen zu und mühen sich, denn … es ist, als wäre der kleine Computer hinter der Stirn einfach unbesiegbar.

Wussten die Wüstenväter das auch?„Ja“, sagt Katharina Ceming. „Nirgendwo behaupten sie, dass die Erfahrung der Stille eine einfache sei.“ Im Gegenteil. Zu allen Zeiten war es viel einfacher, sich mit allerlei anzureichern als leer zu werden. „Wir haben dabei heute noch deutlich größere Probleme mit unserer Art des Arbeitsalltags“, sagt Katharina Ceming. „Im Büro sitzen, Projekte planen, zehn Dinge gleichzeitig tun, das lässt sich kaum mehr vereinbaren mit der Stille und dem völligen Innehalten.“ Aber böte da die Coronapandemie nicht eine willkommene Gelegenheit, einmal den Teufelskreis zu durchbrechen? Und vielleicht dabei seine wirklichen, ureigenen Bedürfnisse entdecken? Das wäre doch ein Abenteuer! TM

Lesen Sie kommenden Samstag über Dämonen der Einsamkeit, die auch heitere Seiten haben.

„Zehn Dinge gleichzeitig tun, lässt sich mit der Stille kaum vereinbaren.“

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