VN-Interview. Sebastian Kurz (34), Bundeskanzler

„Die Feiertage liegen mir im Magen“

"Ich habe viel mehr Sympathie für Tests. Sie kosten weniger und verursachen weniger Schaden als Ausgangssperren", sagt Kurz.

"Ich habe viel mehr Sympathie für Tests. Sie kosten weniger und verursachen weniger Schaden als Ausgangssperren", sagt Kurz.

Kanzler warnt davor, alle Bemühungen aufs Spiel zu setzen.

Schwarzach Die Bundesregierung habe viel dazugelernt, sagt Kanzler Sebastian Kurz zu Gast bei „Vorarlberg live“ auf VN.at. Daher wisse man auch, dass es notwendig sei, über die Feiertage strenge Quarantäneregeln zu setzen. Für den Bodenseeraum brauche es ausgeklügelte Regeln. Welche, sagt Kurz noch nicht. Das werde derzeit – unter anderem mit der Landesregierung -erarbeitet. 

 

Wie schätzen Sie das Vorankommen in der Pandemiebekämpfung ein?

Kurz Es ist natürlich zäh und mühsam. Jeder wünscht sich, dass wir endlich in die Normalität zurückkehren können. Wir sind auf dem richtigen Weg. Die Zahlen sind zwar nach wie vor viel zu hoch, aber es geht in die richtige Richtung. Wir hoffen, dass wir sie bis Weihnachten weiter drücken können. Die Feiertage und der Jahreswechsel liegen mir aber ein bisschen im Magen. Das sind natürlich Treiber für das Infektionsgeschehen.

 

Im Frühjahr war Österreich Vorzeigeland in der Coronabekämpfung. Diese Position haben wir verloren. Gibt es Entscheidungen in den letzten Monaten, die sie mit heutigem Wissen anders getroffen hätten?

Kurz Wir haben in der gesamten Phase der Pandemie viel dazugelernt. Wir haben gelernt, dass Skifahren sicher stattfinden kann, aber Aprés Ski höchst problematisch ist und daher nicht möglich sein wird. Im Sommer haben wir gelernt, dass jeder gerne in den Urlaub fährt, aber Urlaubsreisen oft damit verbunden sind, dass das Virus wieder nach Österreich zurückimportiert wird. Wir versuchen daher für die Weihnachtszeit ein möglichst gutes Regelwerk auf die Beine zu stellen, das garantiert, dass wir trotzdem einkaufen gehen und die Kinder in die Schule können. Und dass man Weihnachten mit seinen liebsten verbringen kann.

 

Wieso war es Ihnen am Mittwoch so wichtig, auf die angebliche Einschleppung des Virus durch die migrantischen Urlaubsheimkehrer zu verweisen? Vizekanzler Werner Kogler hat Sie wegen mangelnder Sensibilität kritisiert.

Kurz Jeder, der mich kennt, weiß, wie eng ich mit dem Westbalkan verbunden bin. Daher ist jeder Vorwurf in diese Richtung absurd. Seit ich Außenminister bin, kämpfe ich für den EU-Beitritt der Westbalkanstaaten. Es ist die Region, die ich am häufigsten besucht habe. Ich habe auch viele Freunden mit dortigen Wurzeln und ein freundschaftliches Verhältnis zu den Regierungschefs. Aber worum es geht: Wir haben im Sommer gesehen, dass rund ein Dritttel des Infektionsgeschehens auf Reiserückkehrer zurückzuführen ist, der größte Teil davon auf den Westbalkan und Kroatien. Daraus müssen wir lernen. Wir führen jetzt Reiseregeln für die Weihnachtszeit zwischen 19. Dezember und 10. Jänner ein, um die Bemühungen, die wir im Inland anstellen nicht durch Reiserückkehrer zunichte zu machen. Da geht es nicht nur um Menschen, die Wurzeln im Ausland haben, sondern genauso um Auslandsösterreicher, die über die Feiertage nach Österreich zurückkehren wollen und um Menschen, die irgendwohin in den Urlaub fahren möchten. Das müssen wir dieses Jahr einschränken, so leid es mir tut.

 

Die Schweiz hat die Grenzen zu uns offengehalten. Wird es auch von unserer Seite Ausnahmen geben?

Kurz Wir haben alle ein Bewusstsein für die enge Verwobenheit in der Bodenseeregion. Natürlich braucht es ausgeklügelte Regeln für Pendler oder auch innerhalb der Familie, wo es einen regelmäßigen Austausch gibt. Das wird auch in Zusammenarbeit mit der Vorarlberger Landesregierung erarbeitet. Wir haben volles Verständnis für die besondere Situation in Vorarlberg, aber gleichzeitig gibt es die Notwendigkeit Regeln zu schaffen, die nicht dazu führen, dass wir den Tourismus und die Gastronomie in Österreich geschlossen halten, dann aber sobald man über die Grenze fährt, das normale Leben stattfindet. Das würde unsere Bemühungen zunichte machen.

 

Was passiert mit dem kleinen Grenzverkehr? Dürfen die Schweizer noch zu uns einkaufen kommen?

Kurz Wir versuchen praxistaugliche Regeln zu finden.

 

In Vorarlberg beginnen die Massentests. Bislang haben sich nicht einmal 25 Prozent angemeldet. Hätten Sie sich mehr erwartet?

Kurz Nein. Ich bin der Landesregierung in Vorarlberg irrsinnig dankbar für die professionelle Vorbereitung. Und ich gebe zu, ich bin beeindruckt, in welcher kurzen Zeit es möglich war, dieses große Projekt umzusetzen. Jeder, der an einem Test teilnimmt, gibt uns die Chance, dass unser Plan des Wiederaufsperrens funktioniert. Jeder, der teilnimmt, leistet einen Beitrag, dass unsere Republik das Infektionsgeschehen möglichst gut unter Kontrolle halten kann. Wir haben alle den Lockdown und die Einschränkungen satt. Wir wollen alle wieder ein normales Leben führen. Bis zur Impfung ist die Massenteststrategie sicherlich eine, die einen großen Beitrag dazu leisten kann, die Infektionszahlen auf niedrigem Niveau zu halten.

 

Kann dieser Beitrag einen dritten Lockdown verhindern?

Kurz Wir sind alle keine Propheten, aber ich weiß, dass es bis zur Wirksamkeit der Impfung noch einige Monate dauern wird. Ich rechne damit, dass wir im Sommer wieder zur Normalität zurückkehren können. Das heißt aber, dass wir noch einige Monate vor uns haben, in denen wir versuchen müssen, dass wir in kein starkes exponentielles Wachstum hineingeraten. Das gelingt einerseits durch Maßnahmen, die allerdings immer wirtschaftlichen Schaden und Freiheitsbeschränkungen bedeuten. Oder es gelingt durch Tests. Ich habe viel mehr Sympathie für Testungen, weil sie kosten weniger, verursachen weniger Schaden und sind im Vergleich zu Ausgangssperren auch nur ein geringer Eingriff und eine geringe Beanspruchung für die Bevölkerung. VN-ebi

„Jeder, der mich kennt, weiß, wie eng ich mit dem Westbalkan verbunden bin.“

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