Kommentar

Johannes Huber

Zu schlecht zum Skifahren

Im Bezirk Bludenz hat sich die Zahl der Beschäftigten im vergangenen Winter zweimal sprunghaft entwickelt: Im Dezember ist sie um 2725 gestiegen und im März um 3371 gesunken. Beide Male hat sie sich damit um mehr als zehn Prozent verändert. Die Erklärung dafür ist einfach: Mit Beginn der Skisaison im Montafon und am Arlberg kamen viele Männer und Frauen aus dem In- und Ausland zu einer Stelle und damit auch zu einem Erwerbseinkommen; mit der Coronakrise und dem Lockdown war es vorbei.

Das sind Schicksale, die untergehen, wenn von Massentourismus und Geschäftemacherei die Rede ist. Oder wenn es um Ischgl geht. Das ist zu einem Synonym dafür geworden, den Betrieb aufrechtzuerhalten, solange es nur irgendwie möglich ist, Gras über das Infektionsgeschehen wachsen zu lassen, um es in Anlehnung an den Obmann des Tiroler Wirtschaftsbundes, den ÖVP-Nationalratsabgeordneten Franz Hörl, in Bezug auf die Paznauntaler Gemeinde zu sagen.

2020 wird’s schwierig

Im Sinne der vielen, die davon leben, kann man nur hoffen, dass die nächste Saison bald beginnen kann. (Der Einwand, dass damit oft eh nur ausbeuterische Jobs verbunden seien, ändert nichts daran: Jetzt haben diese Leute null Alternative.) Zu befürchten ist jedoch, dass 2020 kaum noch etwas gehen wird.

Der einfachste, von österreichischen Politikern aber nur vorgeschobene Grund lautet: Deutschland, Frankreich und Italien machen Druck auf ein Ski-Verbot. Die Wirklichkeit ist, dass es zu einem nationalen Versagen gekommen ist: Das virologische Quartett, also Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP), Vizekanzler Werner Kogler (Grüne), Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) und Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) sowie (fast) alle übrigen 8,9 Millionen Menschen, die in diesem Land leben, haben es verbockt.

Wir haben versagt

Seit Ende Juni gibt es ein exponentielles Wachstum bestätigter Infektionen. Trotzdem sind viele von uns auf Urlaub gefahren, trotzdem sprachen Kurz und Anschober von besseren Zeiten. Nur vorübergehend zeigten sie sich besorgt; das war jedoch wegen Wien und rein parteipolitisch motiviert im Hinblick auf die dortige Gemeinderatswahl. Als die Zahlen in Vorarlberg explodierten, schwiegen sie. Im November ist ein Lockdown alternativlos geworden. Im Moment hat Österreich mehr Infektionen und auch Todesfälle als die meisten übrigen Länder der Welt; ja, gemessen an der Bevölkerung sogar mehr als die USA des Covidioten Donald Trump.

Da kann man nicht in die Skisaison starten. Das wäre fremdenverkehrsfeindlich. Das Risiko, dass ein „Ischgl 2“ passiert, wäre trotz aller Vorsichtsmaßnahmen zu groß. Das muss sich ändern. Daher sollte vielmehr die gesamtgesellschaftliche Kraftanstrengung verstärkt werden, um mit dem Zuwachs bestätigter Infektionen pro 100.000 Einwohner und Woche die kritische Marke von 50 deutlich zu unterschreiten. Wenn das bis Ende Dezember gelingt, ist es schon eine Leistung. So schlecht stehen wir da.

Johannes Huber

johannes.huber@vn.at

Johannes Huber betreibt die Seite dieSubstanz.at – Analysen und Hintergründe zur Politik.

„Jetzt geht es darum, das Infektionsgeschehen zurückzudrängen. Wenn das bis Ende Dezember gelingt, ist es eine Leistung.“

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