Kommentar

Hanno Loewy

Gedenken und Politik

Fast genau zehn Jahre ist es her, da besuchte ein aufstrebender nationalistischer Politiker aus Österreich die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem. Anfang Dezember 2010 war es. Statt mit einer Kippa oder einem Hut betrat er die Gedenkstätte mit einem Burschenschafterkäppi. Daheim in Wien freuten sich Rechtsextreme aller Couleur schenkelklopfend über diesen makabren Scherz. Andere machten sich Sorgen, dass der demonstrative Pro-Israel-Kurs nun auch in Österreich Rechtspopulisten salonfähig machen könnte. Solange es gegen Muslime geht, ist man sich ja schnell einig. Wenn Israel ihn so im Land willkommen heißt, „kann in Österreich über kurz oder lang niemand mehr etwas sagen. Er macht sich regierungsfähig.“ So warnte damals ein Vertreter des Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands. Nun ja, sieben Jahre später war der seltsame Gast aus Österreich Vizekanzler. Und wäre es wohl noch heute, wenn ihm keine falsche Oligarchin über den Weg gelaufen wäre.

Nun gibt es wieder Streit um Yad Vashem. Auch diesmal geht es um einen rechtsextremen Rassisten. Doch dieser soll, ginge es nach Benjamin Netanjahu, nicht zu Besuch kommen, sondern die Leitung der Gedenkstätte übernehmen: Effi Eitam. Die militärische Karriere des ehemaligen Brigadegenerals gipfelte in der Bekämpfung der palästinensischen Intifada. Vier seiner Soldaten schlugen damals auf seinen Befehl hin einen palästinensischen Gefangenen zu Tode und wurden – immerhin – verurteilt. Eitam wurde nicht bestraft, aber auch nicht mehr befördert. Konsequenterweise zog es ihn in die Politik. Als Parlamentsabgeordneter und als Minister beschimpfte er Palästinenser als Krebsgeschwür und forderte ihre gewaltsame Vertreibung aus dem Westjordanland – und verlangte, den arabisch-israelischen Staatsbürgern das Wahlrecht zu entziehen.

Die geplante Ernennung hat weltweit Proteste ausgelöst, von Überlebenden des Holocaust genauso wie von Wissenschaftlern, Gedenkstätten, Archiven und Jüdischen Museen. Am Dienstag gingen in Israel Überlebende der Shoah auf die Straße und protestierten vor dem Büro des zuständigen Ministers Ze’ev Elkin. Netanjahu zeigt sich bislang unbeeindruckt. Vizepremier und Koalitionspartner „Benny“ Gantz droht hingegen mit einem taktischen Veto. Kommt ganz drauf an, was ihm „Bibi“ Netanjahu beim Aushandeln der nächsten Postenbesetzungen bietet. So viel zum Thema „Gedenken“ im November …

Hanno Loewy

hanno.loewy@vn.at

Hanno Loewy ist Direktor des ­Jüdischen Museums in Hohenems.

„Nun ja, sieben Jahre später war der seltsame Gast aus Österreich Vizekanzler.“

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