Kolumne

Monika Helfer

Schnurrbart

„Als mein Schnurrbart noch Schwung hatte“, habe ich in einem Lyrikband gelesen, und die Formulierung gefällt mir so gut, dass ich es mir jetzt kurz ausleihe.

Wer könnte das gesagt haben? Ein alter Herr, der auf einer Parkbank sitzt, neben ihm eine Frau, ein wenig jünger. „Damals war alles luftiger, damals war alles leichter.“

„Ach hören Sie doch auf“, sagt die Frau. „Als ich jung war, habe ich zehn Stunden am Tag gearbeitet.“

„Immerhin waren sie jung“, sagt der Herr.

„Jung und erschöpft“, sagt die Frau. „Jeden Abend legte ich mich zu meinem Mann ins Bett, und er zählte mir auf, wie viel Schulden wir noch haben, wann endlich unser Haus abgezahlt sein würde, wie viele Jahre wir beide noch schuften müssen. Er war zu müde gewesen, sich zu waschen, verschwitzt lag er neben mir, und ich wusste, sorgenvoll wie er war, würde er nicht einschlafen können. Beide wären wir wach, und anstatt Liebe zu machen, würden wir uns im Bett hin- und herwälzen. Heute würde ich sagen, lassen wir den Hausbau, ziehen wir in eine hübsche Mietwohnung, verreisen wir in den Ferien, gönnen wir uns, wonach es uns ist gerade ist.“

„Und wie geht es Ihnen heute?“, fragt der Herr mit dem Schnurrbart und rückt ein wenig näher an die Frau, die einen angenehmen Duft verströmt nach einem Parfum, das nicht aufdringlich ist. Er schätzt sie auf Ende Fünfzig. Er sieht in ihrem Gesicht einen Hauch ihrer früheren Schönheit.

„Nachdem mein Mann und ich das Haus abbezahlt hatten, unsere drei Kinder ausgezogen waren, nahm er sich eine junge Frau. Wir verkauften das Haus, er zog mit seiner Geliebten in eine Mietwohnung, ich allein in eine andere. Und Sie, mein Herr?“

„Ich, ach, als mein Schnurrbart noch Schwung hatte, liebten mich die Frauen, ich konnte mich für keine recht entscheiden. Ich habe einen erwachsenen Sohn, war nie verheiratet und lebe allein. Ich gehe gern spazieren. Gehen Sie auch gern spazieren, und sollten wir nicht einmal zusammen einen Spaziergang machen, wir, die wir beide nicht mehr jung sind, aber auch noch nicht alt, wir könnten uns einiges erzählen …“

„Das überlege ich mir“, sagt die Frau.

Sie steht auf, rückt dabei ihren engen Rock zurecht, er denkt, wie stramm dieser Rock sitzt und das gefällt ihm. Er steht ebenfalls auf. Von einem Ginko-Baum ist ein Blatt auf ihren Scheitel gesunken, das nimmt er vorsichtig mit zwei Fingern weg und sagt: „Erlauben Sie? Ein Andenken an einen denkwürdigen Tag.“

„Denkwürdig?“, fragt sie, „Wie meinen Sie das?“

„Würdig, daran zu denken. Übrigens, ich heiße Heinz. Und wie ist Ihr werter Name?“

„Kristina, mit K, bitte.“

Monika Helfer

monika.helfer@vn.at

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.

„Nachdem mein Mann und ich das Haus abbezahlt hatten, unsere drei Kinder ausgezogen waren, nahm er sich eine junge Frau.“

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