Kolumne

Monika Helfer

Mannwerdung

Ich weiß, „Mannwerdung“ ist ein Unwort, dennoch passt es für Anton, unseren Enkel, gerade elf ist er, trainiert täglich, achtet auf sein Gewicht. Seine Frisur ist ein Statement. An den Seiten ausrasiert, am Kopf die Haare lang, zu einem Schwanz gedreht. Ronaldo ist sein Vorbild.

„Sag Anton“, fragte ich, „glaubst du, du wirst ein Fußballer wie Ronaldo?“

„Nein, Oma“, sagte er „dazu fehlt mir das Talent.“

„Und warum trainierst du so heftig?“

„Es ist gut für meinen Körper und meinen Geist.“

„Aha“, sagte ich. „Wer sagt das?“

„Unser Trainer.“

„Was machst du für deinen Geist, Anton?

„Ich lese vor dem Einschlafen.“

„Was willst du heute essen?“, fragte ich.

„Gemüse und Salat, eine Kartoffel vielleicht, drei hart gekochte Eier.

„Kein Brot?“

„Ich probiere es ohne Brot.“

Ich muss dazu sagen, dass an Anton kein Gramm Fett ist.

„Komm, Oma, schlag mir in den Bauch, dann merkst du, der ist wie aus Eisen!“

Salz und Zucker mussten weg vom Tisch, Anton trank viel Wasser.

„Und bitte, Oma, keine Energy-Drinks, die entziehen dem Körper Wasser, ja keine Chips, keine Nudeln, kein Weißbrot!“

„Und was ist mit den Milchbrötchen, die du so liebst?“

„Ja, Oma, vielleicht eines am Tag, zum Frühstück.“

Am Abend fragte er: „Hast du zufällig ein Eis, Oma?“

Ich hatte Eis, er aß zwei.

„Der Opa sagt, bei der Faust eines Mannes muss der Daumen außen sein. Stimmt das?“

Darüber hatte ich noch nicht nachgedacht. Ich machte eine Faust unter dem Tisch, mein Daumen war innen.

Mein Mann brachte Streuselkuchen vom Schlosscafé mit, einen mit Brombeeren, einen mit Johannisbeeren, einen mit Himbeeren, die weltbesten.

Ich kochte Kaffee, stellte Dessertteller auf den Tisch, Kuchengabeln, für Anton ein Wasser.

„Ich nehme den Brombeer“, sagte Anton. „Oder, Opa, darf ich vielleicht von jedem Kuchen ein Stück probieren?“

„Wenn du willst, kannst du alle drei haben, ich habe noch einmal drei in einer zweiten Schachtel.“

Anton schnitt von jeder der drei Kuchen die Spitze ab und legte sie auf seinen Teller. „Fangen wir an?“, fragte er.

Ich ließ von meinem Teil die Hälfte übrig, mein Mann tat das gleiche. Anton sah uns an und schaufelte.

Mit vollem Mund dann sagte er: „Morgen esse ich nichts. Danke Opa, danke Oma.“

„Schauen wir uns ein Match an?“, fragte mein Mann.

Beide saßen auf dem Sofa und gaben ihre Kommentare ab.

„Gibt es Chips?“, fragte mein Mann.

„Ja aber bitte die scharfen!“, sagte Anton.

„Und putzt eure Hände nicht am Polster ab“, rief ich aus der Küche, aber das hörten die beiden gar nicht.

Monika Helfer

monika.helfer@vn.at

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.

„Der Opa sagt, bei der Faust eines Mannes muss der Daumen außen sein. Stimmt das?“

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