„Man musste mich ins Leben zurückholen“

Heribert Obholzer war dem Tod schon sehr nahe.  VN/Paulitsch

Heribert Obholzer war dem Tod schon sehr nahe.  VN/Paulitsch

Heribert Obholzer hat bereits zwei Nierentransplantationen hinter sich. Jetzt wartet er erneut auf eine Spenderniere.

Mäder Das spätere Nierenversagen kündigte sich mit Blut im Urin an. Ein Urologe bat Heribert Obholzer (damals 18), alljährlich zur Kontrolle zu kommen. Doch der junge Mann sah keinen Grund, dieser Aufforderung nachzukommen. Denn: „Mir tat nichts weh.“ Nachsatz: „Wenn du jung bist, denkst du, dass du unverwundbar bist und die Welt dir gehört.“

„Sah für mich keine Zukunft mehr“

Als ihn ein paar Jahre später starke Kopfschmerzen plagten und sein Sehvermögen beunruhigend stark nachgelassen hatte, schickte ihn seine damalige Freundin zum Arzt. Dieser stellte fest, dass der 23-Jährige einen extrem hohen Blutdruck und ganz schlechte Blutwerte hatte. „Mein Körper war vergiftet, weil meine beiden Nieren kaputt waren.“

Jetzt musste eine Maschine die Funktion der Nieren übernehmen. „Ich musste jeden zweiten Tag zur Dialyse für jeweils vier Stunden.“ Sein körperlicher und psychischer Zustand war besorgniserregend: „Ich bin nur noch im Bett gelegen, war enorm müde und so schwach, dass ich nur ein paar Meter gehen konnte.“ Für Heribert fühlte es sich so an, als ob er keine Zukunft mehr hätte. „Ich war 23 Jahre alt und dachte, dass das Leben für mich vorbei ist.“

Deshalb trug er sich mit Selbstmordgedanken. „Ich wollte mich vom Dach des Krankenhauses stürzen, bin in den Lift eingestiegen, habe die falsche Etage gedrückt, weil ich Sehprobleme hatte, und bin im Erdgeschoss gelandet. Dann ging ich eine rauchen.“ Die Dialyse nahm ihn körperlich dermaßen her, dass er sich kaum mehr auf den Beinen halten konnte. „Ich konnte nicht mehr arbeiten und am Leben teilhaben.“ Hinzu kam, „dass ich fast nichts essen und trinken durfte“. Vor allem der ständige Durst marterte ihn. „Du darfst am Tag nur einen halben Liter Wasser trinken und hast den ganzen Tag Durst. Das ist schlimm.“

Damoklesschwert über dem Leben

Sein gesundheitlicher Zustand besserte sich erst, als ihm – nach einjähriger Dialyse – am 2. Mai 1992 erfolgreich eine Spenderniere transplantiert wurde. „Die Niere begann sofort zu arbeiten. Ab da ging es nur noch aufwärts.“ In der Folge arbeitete sich der junge Mann in der Lebensmittelbranche vom Verkäufer zum Filialleiter hoch. 16-Stunden-Arbeitstage waren für ihn die Regel. Acht Jahre funktionierte die Spenderniere. Dann musste sich Heribert wieder dreimal wöchentlich einer Dialyse unterziehen und seinen Job aufgeben. Um bestmöglich für eine neuerliche Transplantation vorbereitet zu sein, begann der Mäderer mit Sport. „Ich bin jeden zweiten Tag auf die Hohe Kugel und den Hohen Kasten gewandert und viele Kilometer Rad gefahren.“ Die zweite Dialyse war für ihn nicht so schlimm wie die erste. „Weil ich Sport machte, konnte ich normal essen und trinken.“ Im März 2004 bekam Heribert neuerlich eine Spenderniere. „Es gab Komplikationen bei der Transplantation. Man musste mich ins Leben zurückholen.“ Danach wendete sich sein Leben wieder zum Guten. „Meine Lebensqualität schnellte in die Höhe. Ich konnte wieder arbeiten. Jetzt bildete ich Filialleiter aus. Das machte mir enorm Spaß. Der Job war mein Leben. Ich habe fast nie Urlaub gemacht.“ Ihm war aber bewusst, dass über seinem Leben ein Damoklesschwert hing. „Mir war klar, dass die Spenderniere nicht ewig hält.“ 2013 teilten ihm die Ärzte mit, dass sie vermutlich nur noch ein paar Monate arbeiten würde. „Erstaunlicherweise gab sie ihre Funktion aber erst im August 2018 auf.“

Neuerlich war sein Los die Blutwäsche. Wieder muss er sich beim Trinken und Essen zurückhalten. Wieder kann er nicht mehr arbeiten gehen. Wieder wartet er auf eine Spenderniere. Trotzdem hat der 53-jährige Vater eines Sohnes nicht das Gefühl, dass sein Schicksal schwer ist. „Über allem bin ich dankbar, dass ich leben darf.“ Weil er dem Tod schon sehr nahe war und seine Gesundheit so zerbrechlich wie eine Eierschale ist, genießt er das Leben ganz besonders.

„Für mich ist nichts mehr selbstverständlich. Schon Kleinigkeiten, wie etwa das morgendliche Gezwitscher der Vögel, machen mich dankbar.“ Der Tod jagt ihm keinen Schrecken ein. „Wenn er mich wollen hätte, hätte er mich schon mit 23 geholt.“ Aber er ist allgegenwärtig. „Letztes Jahr starben zwei Dialyse-Patienten, die ich kannte.“ VN-Kum

„Für mich ist nichts mehr selbstverständlich. Schon Kleinigkeiten machen mich dankbar.“

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