Schwedische Normalität

Restaurants wurden ebenso wie Grundschulen niemals geschlossen.  AFP

Restaurants wurden ebenso wie Grundschulen niemals geschlossen.  AFP

Sonderweg mit weniger Verboten, aber mehr Todesfällen.

SCHWARZACH Andreas Heim arbeitet als Disponent bei einer Spedition. Seit März tut er das von zu Hause aus. Genauso wie bei seiner Frau Anna ist Homeoffice angesagt. Die Freizeitaktivitäten der beiden sind begrenzt: Essen gehen sie kaum noch und die Urlaubspläne gestalten sich schwierig. „Weit werden wir nicht kommen“, schildert der gebürtige Lauteracher eine Normalität, wie man sie kennt.

Empfehlungen statt Verbote

Der 47-Jährige lebt in Stockholm, also der Hauptstadt von Schweden, das für den Umgang mit dem Coronavirus einen Sonderweg gewählt hat: Anstelle von Verboten gibt es Gebote oder besser gesagt Empfehlungen. Grundschulen wurden ebenso wenig geschlossen wie Restaurants. Kritiker verweisen auf die Statistik und erklären, sie zeige, was das Ergebnis davon ist: Im Zehn-Million-Einwohner-Land sind bisher zwei Mal mehr Infizierte und sieben Mal mehr Todesopfer verzeichnet worden als in Österreich, das mit knapp neun Millionen Einwohnern ähnlich groß ist.

Sind die Schweden lebensmüde? Der Regierungskurs stößt laut Heim auf Verständnis. Debatten gebe es darüber, dass sich das Virus in Seniorenheimen so stark ausbreiten konnte, dass dort sehr viele Opfer zu beklagen waren. Mittlerweile ist es jedoch zu einer Beruhigung gekommen. Ende Mai ist zum ersten Mal innerhalb von 24 Stunden kein Todesfall mehr verzeichnet worden. An der Spitze des Krisenmanagements steht ein Beamter: Chef-Epidemiologe Anders Tegnell. Seine Devise laut Heim: Das Virus lässt sich nicht aus der Welt schaffen, viele werden erkranken. Dabei sind jedoch zwei Dinge entscheidend: Die Spitäler dürfen nicht überlastet werden. Und die Maßnahmen müssen so gestaltet sein, dass sie von der Bevölkerung möglichst lange mitgetragen werden. „Also arbeitet man nicht mit Ausgangsbeschränkungen und dergleichen, sondern mit Empfehlungen“, so Heim: „Man soll Hände waschen, Abstand halten und sich nicht mehr als zwei Autostunden von seinem Wohnort entfernen.“ Die meisten würden sich daran halten, zumal alles begründet werde. So gebe es keine Veranstaltungen mit über 50 Teilnehmern mehr, weil größere Events eher Besucher aus allen Ecken und Enden des Landes anziehen würden, die das Virus hinterher entsprechend weit verbreiten könnten.

Freilich: Ohne Zwang geht es auch in Schweden nicht. Im Großen und Ganzen verzeichnen Gastronomiebetriebe laut Heim zwar weniger Gäste. Einige Lokale waren aber so überfüllt, dass „Abstand halten“ unmöglich war und sie daher geschlossen wurden. Und überhaupt: Tegnell äußerte zuletzt Zweifel, ob der Sonderweg der richtige ist. Mit dem heutigen Kenntnisstand würde man irgendwo in der Mitte von dem landen, was sein Land gemacht hat und was der Rest der Welt unternommen hat, wie er in einem Interview gestand. JOH

„Man arbeitet nicht mit Ausgangsbeschränkungen, sondern mit Empfehlungen.“

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