Deutlich mehr Gewalt daheim

von Birgit Entner-Gerhold

Seit Beginn der Ausgangsbeschränkungen stiegen die Betretungsverbote um 60 Prozent.

Wien In jenen 77 Tagen, die zwischen dem Beginn der Ausgangsbeschränkungen und dem Ende des Monats Mai liegen,  hat sich das Leben vieler Menschen verändert. Kurzarbeit, Jobverlust, soziale Isolation und Existenzängste wurden zur Belastung. Außerdem waren immer mehr Familien mit zunehmender Gewalt in den eigenen vier Wänden konfrontiert, wie aktuelle Zahlen der Gewaltschutzstelle des Instituts für Sozialdienste (ifs) zeigen. Demnach musste die Polizei in diesen 77 Tagen etwa 90 Betretungs- und Annäherungsverbote gegen Gewalttäter erlassen. Das sei ein eklatanter Anstieg von über 30 Fällen oder 60 Prozent im Vergleich zum selben Zeitraum 2019, erklärt die Leiterin der ifs-Gewaltschutzstelle, Ulrike Furtenbach. 

90 Prozent weibliche Opfer

Hinter den Zahlen stehen Geschichten von Frauen, die von ihren Partnern bedroht, gewürgt und geschlagen werden, oder von Eltern, die der Gewalt ihrer bereits volljährigen Kinder ausgesetzt sind. In der Regel sind 90 Prozent der Opfer weiblich und 95 Prozent der Gewalttäter männlich, erläuterte Furtenbach. Ein sofortiges Betretungs- und Annäherungsverbot kann von der Polizei nur dann erlassen werden, wenn die Situation zu eskalieren dort. Es setzt die Annahme der Beamten voraus, dass ein gefährlicher Angriff auf Leben, Gesundheit oder Freiheit bevorsteht, lautet die Definition im Gewaltschutzgesetz.

Großer Anstieg im Mai

„Wir haben schon zu Beginn der Ausgangsbeschränkungen mit einer Zunahme der häuslichen Gewalt gerechnet“, berichtet die Leiterin der ifs-Gewaltschutzstelle. Schon in den letzten zwei Märzwochen kam es zu einem leichten Anstieg. Erst im Mai sind es dann aber deutlich mehr geworden. Es könne nur gemutmaßt werden, woran das liege, sagt Furtenbach. Womöglich hätten viele zu Beginn die Bewältigung des Alltags – von Jobsorgen bis Kinderbetreuung – in den Vordergrund gestellt und erst deutlich später als Gewaltbetroffene nach Hilfe gerufen.

Anja Natter, Leiterin der ifs-FrauennotWohnung, berichtet, dass gerade zu Beginn der Ausgangsbeschränkungen wenig Anfragen eingegangen seien. Soziallandesrätin Katharina Wiesflecker sorgte dennoch dafür, die Kapazitäten um vier weitere Wohnungen aufzustocken. Zwei davon sind derzeit unbelegt. „Wir können sie bis Ende September mitnutzen“, berichtet Natter.

In den Notwohnungen finden betroffene Frauen mit Kindern Schutz sowie Beratung für ihren weiteren Lebensweg. Derzeit seien reguläre Plätze für sechs Frauen mit Kindern frei. Die Belegung unterscheide sich kaum von den Jahren zuvor. „Aktuell begleiten wir zehn Frauen mit 14 Kindern.“ Vergangene Woche seien es vier Frauen und acht Kinder mehr gewesen. „Die Zahlen können sich schnell ändern.“ 

„Wir haben von Beginn an mit einer Zunahme der häuslichen Gewalt gerechnet.“

Stichwort Unterstützung für Betroffene

Leben Sie in einer gewaltbelasteten Familie, haben Sie andere Sorgen, Sorge vor möglicher häuslicher Gewalt oder sind Sie bereits von Gewalt betroffen, finden Sie unter anderem bei der ifs Gewaltschutzstelle (05/1755535), ifs Frauenberatungsstelle (05/1755536), ifs FrauennotWohnung (05/1755577), der Frauen-Helpline (0800/222555) und www.haltdergewalt.at Unterstützung.

Die Polizei (133 oder 112) kann bei akuter Gefährdung ein Betretungs- und Annäherungsverbot aussprechen. Dieses ist auf zwei Wochen befristet und mit einstweiliger Verfügung auf längstens vier Wochen ausdehnbar. Missachtet der Weggewiesene das Verbot, wird empfohlen, sofort die Polizei  anzurufen.

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