Kolumne

Monika Helfer

Warten Sie!

„Warten Sie!“

Der junge Mann stand mitten auf der Straße, breitete die Arme aus, als wolle er sie auffangen, aber sie ging an ihm vorüber.

Sie kannten sich vom Sehen, hatten Worte miteinander gewechselt, mehr nicht. Sie war an einen Mann vergeben, der sie heiraten wollte, einen vernünftigen Menschen, von dem sie glaubte, sie liebe ihn. Er lebte mit Büchern und oft las er ihr vor. Er dachte, sie weiß nichts und durch mich wird sie klüger. Sie wusste selbst, dass sie ungebildet war.

Gerade ging sie abwärts in die Stadt und sagte sich, ich gehe abwärts im übertragenen Sinn, dabei sollte ich hinaufsteigen. Sie war zwanzig und zweifelte. Sollte sie heiraten wie vereinbart? Wäre das das Ende vom Lied? Der junge Mann eben, er gefiel ihr, nur hatte sie es sich nicht gestattet, auf ihn zuzugehen, eben wegen Hans, ihrem Bräutigam. Noch ist er nicht mein Bräutigam, noch kann ich es abwenden. Ich will gar nicht gescheit werden. Ein Stöckel ihres Schuhs verfing sich in den Pflastersteinen. Sie fiel auf die Knie. Hoffentlich hat mich keiner gesehen! Wie peinlich, hätte mich einer gesehen! Gesehen hatte sie der junge Mann, der hinter ihr gegangen war, er war es auch, der ihr die Hand zum Aufstehen reichte. Wenn das kein Zeichen war!

Am Abend holte sie ihr Bräutigam fürs Theater ab, sie war so zerstreut, sie hätte nicht nacherzählen können, wovon das Stück handelte.

„Du bist so nervös“, sagte der Mann. Da nahm sie sein Gesicht in ihre Hände, wie man es bei einem Kind tut und sagte: „Mein Lieber, ich kann nicht!“

„Was kannst du nicht?“

„Dich heiraten.“

Das war zu viel für ihn, er ließ sie stehen und ging davon. Stolz wie er war, meldete er sich nicht mehr bei ihr, wartete aber ungeduldig auf eine Geste. Sie tat, was sie eigentlich nie getan hatte, und schrieb ihm einen Brief, besser gesagt, eine Notiz, das Schreiben fiel ihr schwer, es klang ungelenk, sie hatte die Schrift einer Schülerin, und als der Mann den Zettel las, dachte er sich, sie war nicht die Richtige, ist zu einfältig für mich. Warum fällt mir das erst jetzt auf?

Wochen später, nach Tagen voller Scham, entschloss sie sich, ihn aufzusuchen. „Das muss sein wegen dem Anstand“.

Auf dem Weg dahin, begegnete ihr wieder der junge Mann, wieder ein Wink, dachte sie sich, und ging, auf seine Bitte hin, mit in sein Zimmer. Ein Kätzchen schlief auf seinem Bett, und er sagte: „Wenn du willst, schenke ich es dir.“

Sie sah sich um, und was sie sah, gefiel ihr. Ein Zimmer mit Musik und keinen Büchern. Von Büchern hatte sie genug. Sie erinnerten sie daran, wie wenig sie wusste.

Monika Helfer

monika.helfer@vn.at

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.

„Von Büchern hatte sie genug. Sie erinnerten sie daran, wie wenig sie wusste.“

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