Kolumne

Doris Knecht

Aber es hält doch!

Den ganzen Sonntag hat es geregnet, ein starker, steter Frühsommerregen wie aus dem Bilderbuch. Man hatte das Gefühl, dass das Grün jede Minute noch ein bisschen grüner wird. Und dass die Blumenwiese jede Stunde einen Zentimeter wächst.

Ich habe heuer beschlossen, den Rasen nicht mehr zu mähen und statt dessen eine Wiese stehen zu lassen: eine Blumen- und Wildkräuterwiese, eine Weide für Bienen, Hummeln und Schmetterlinge, und für andere Insekten, als Futter für die Singvögel, damit sie mich bei Tagesanbruch mit lautem Gezwischtergezeter wecken können.

Der Krüger war am Wochenende da und hat gesagt: Schaut ganz schön wild aus bei dir. Ich hab gesagt, das gehört so, wir sind hier am Land. Der Krüger hat nur so geschaut, minderüberzeugt. Mir gefällt es so, wie es ist: Die weißen Blümchen wurden von lila Blümchen abgelöst, der Löwenzahn von diesen kleinen gelben, die schon in meiner Kindheit eine ordentliche Kuhwiese auszeichneten. (Ich brauch endlich eine Blümchenerkennungs-App, so geht das nicht weiter.) Hahnenfuß! Genau. So heißen die gelben. Ich erkenne Akeleien und Bärenklau, und dazwischen kommen allmählich die Pfingstrosen ins Blühen.

Der Krüger hat auch stirnrunzelnd und mit trauriger Miene meine Eigenbauten und Kabelbinder- und Gaffer-Tape-Reparaturen betrachtet, und er sah dabei ein bisschen meinem Vater ähnlich, der all die Provisorien mit dem gleichen Blick beäugen und dann sofort nach dem Werkzeugkasten verlangen würde, um die Dinge so zu reparieren, wie sie repariert gehören. Die Tradition des kürzlich hier beschriebenen Bierkistensofas setzt sich halt auch im Landhaus fort.

Ich so: Es hält aber doch!

Aber wie schaut das aus?!

Ich: Wie etwas, das hält!

Danach würde es dann so repariert, dass es noch besser hält und dabei nicht einmal repariert ausschaut, sondern so, als sei es nie beschädigt gewesen. Leider ist mein Vater nicht da, nur der Krüger, der zwar vorwurfsvoll Dinge anschauen, aber einen Schraubenschlüssel nicht von einer Kombizange unterscheiden kann.

Zum Glück sind nicht alle Männer so. Ein anderer Mann sah meine Reparaturen, beim nächsten Besuch brachte er mir eine Rolle wunderschönen, edlen Kupferdraht mit und sagte: Schau, damit kann man Sachen noch besser und viel schöner reparieren als mit Kabelbindern. Er sah die Wäscheleine, mit der ich die schiefe Schuppentür gesichert hatte, und als er das nächste Mal kam, hatte er einen einfachen, elegant angerosteten Haken dabei, der jetzt an meiner Schuppentür so aussieht, als sei er immer schon da gewesen. Er bot sogar an, ihn anzuschrauben; aber, danke!, das schaffe ich gerade noch.

Doris Knecht

doris.knecht@vn.at

Doris Knecht ist Kolumnistin und Schriftstellerin. Sie lebt mit ihrer Familie in Wien und im Waldviertel.

„Ich habe heuer beschlossen, den Rasen nicht mehr zu mähen und statt dessen eine Wiese stehen zu lassen.“

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