Warum die Krise noch lange dauern wird

Das Coronavirus hat Österreich im Griff. Bis es bekämpft ist, wird es noch länger dauern. Die Maßnahmen sind für mehrere Monate gesetzt.

Das Coronavirus hat Österreich im Griff. Bis es bekämpft ist, wird es noch länger dauern. Die Maßnahmen sind für mehrere Monate gesetzt.

Zusätzliche Kräfte, neue Strukturen, verschobene Veranstaltungen. Das größte Problem: Wir sind nicht immun.

WIEN Die Corona-Krise wird am 13. April nicht überstanden sein. Maßnahmen könnten ab diesem Zeitpunkt möglicherweise gelockert werden, meint Kanzler Sebastian Kurz. Die Phase nach Ostern werde der heutigen aber mehr ähneln als dem Alltag vor Corona. Neue Strukturen im Gesundheitssystem werden gerade erst aus dem Boden gestampft, Einsatzkräfte auf längere Einsätze vorbereitet und die Bevölkerung mit Durchhalteparolen versorgt. Diese werden nötig sein. Heute, Freitag, zieht die Bundesregierung eine erste Zwischenbilanz. 

 

Monate statt Wochen. Ein Blick über die Grenzen bietet Orientierung. In Italien zeigt sich, dass die Pandemie in zwei, drei Wochen nicht eindämmbar ist. Dass es sich um Monate handelt, ist in China zu sehen. Die Behörden haben die Ausgangssperren für den Großteil der Provinz Hubei aufgehoben. Die Stadt Wuhan, in der Covid-19 Ende Dezember ausgebrochen war, bleibt bis 8. April aber abgeriegelt. Seit 23. Jänner ist es verboten, Wuhan zu betreten oder zu verlassen. Die Schulen in Hubei bleiben zu. 

 

Schulen. Auch in Österreich könnten die Schulen noch länger geschlossen bleiben, erklärt Kurz. Bislang galt, dass der Unterricht nach Ostern wieder fortgesetzt wird. In Kreisen der Regierung heißt es nun, dass der Fokus vorerst auf den Maturanten liege, deren Reifeprüfung mit dem 19. Mai (statt dem 5. Mai) beginnen soll. Es brauche aber mindestens zwei Wochen Vorlaufzeit, um verpasste Schularbeiten nachzuholen und sich wieder in den Schulalltag einzufinden. Es könnte also sein, dass die Maturanten – die vorrangig behandelt werden – nicht vor Anfang Mai in die Klassenzimmer zurückkehren werden.

 

Zivildienst und Bundesheer. Der Dienst jener 1500 Zivildiener, die Ende März fertig gewesen wären, wird bis Ende Juni verlängert. Die 2000 Grundwehrdiener, die Ende März abgerüstet hätten, müssen zwei Monate länger bleiben. Ab 18. Mai werden Rekruten und Berufssoldaten im Covid-19-Einsatz schrittweise von Milizsoldaten abgelöst. Der Milizeinsatz ist bis Mitte August geplant.

 

Sportveranstaltungen. Großevents werden noch länger kein Thema sein. Die Austragung von Sommerfestspielen wackelt. Konzerte sind abgesagt. Die UEFA hat die Fußball-Europameisterschaft um ein Jahr verschoben. Für die Olympischen Spiele wird ein neuer Termin für 2021 gesucht. Sie waren vom 24. Juli bis 9. August 2020 geplant.

 

Neue Strukturen. Völlig neue Kapazitäten werden im Gesundheitsbereich aus dem Boden gestampft. In Vorarlberg stehen in den Spitälern 500 Betten für Corona-Patienten zur Verfügung, 1100 können in spitalsnahen Einrichtungen wie dem Suchtkrankenhaus Maria Ebene in Frastanz oder in der Landwirtschaftsschule Hohenems situiert werden. Österreichweit sind inzwischen 12.000 Betten in Zusatzstationen für Patienten mit milden oder mittelschweren Krankheitsverläufen bereit. Laut Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) kann die Bettenzahl auf 20.000 erhöht werden. Aktuell gibt es in den regulären Kliniken und Intensivstationen noch freie Kapazitäten. Sind insgesamt 35.000 Menschen infiziert, wird es kritisch.

 

Immunität. Ohne Medikament oder Impfstoff besteht immer die Möglichkeit, dass sich das Virus neu verbreitet; außer es herrscht Herdenimmunität. Dafür müssten sich – je nach wissenschaftlicher Auslegung – 30 bis 70 Prozent der Bevölkerung mit Covid-19 infizieren. Sie wären für diesen Virenstamm dann vermutlich immun. Der Virologe Herwig Kollaritsch erläutert allerdings, dass der Versuch, rasch eine Herdenimmunität herzustellen, völlig unmoralisch wäre. Das Gesundheitssystem würde überlastet und Österreich müsste mit 60.000 Corona-Toten rechnen.

 

Hammer und Tanz. Die politisch Verantwortlichen fahren die Strategie „Hammer und Tanz“. Public-Health-Experte Armin Fidler erklärt das so: „Wir sind jetzt in der Hammerphase, in der wir versuchen, mit strikten Maßnahmen die epidemiologische Kurve nach unten zu drücken.“ Sobald dies geschehe, würden die Maßnahmen gelockert. „Dann beginnt die Tanzphase.“ Dabei müsse die Epidemie gut beobachtet werden. Schließlich sei ein überwiegender Teil der Bevölkerung nicht immun. Bis es einen Impfstoff gibt, könnten ein bis eineinhalb Jahre verstreichen. „Der Tanz kann also gut ein Jahr dauern“, sagt Fidler im VN-Podcast.

 

Einstelliges Wachstum. Der prozentuelle Zuwachs der Infiziertenzahl liegt aktuell bei knapp 20 Prozent täglich. Vorläufiges Ziel sind maximal fünf Prozent. Nur dann könnten erste Maßnahmen gelockert und womöglich durch andere ersetzt werden, heißt es in der Regierung. Ob Schutzmasken mehr zum Einsatz kommen oder alle in Österreich ihre Kontaktpersonen via Handy registrieren müssen, ist offen. Sicher ist: So wie es war, wird es länger nicht mehr sein.

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