VN-Interview. Reinhard Haller (68), Psychiater

„Die Angst wird zunehmen“

Für Reinhard Haller ist der jetzige Ausnahmezustand auch ein Einsamkeitstraining.

Für Reinhard Haller ist der jetzige Ausnahmezustand auch ein Einsamkeitstraining.

Laut Reinhard Haller kann man den jetzigen Ausnahmezustand aber auch positiv nutzen.

FELDKIRCH Als Kenner der menschlichen Seele leuchtet Reinhard Haller im VN-Interview die psychologische Seite des Corona-Ausnahmezustandes aus. Eines der größten Probleme für die Menschen sieht Haller in der Ungewissheit über die Dauer der derzeitigen Situation.

 

Wenn Sie die derzeitige Ausnahmesituation auf einer Skala von 1 (leicht) bis 10 (schwer) beurteilen müssten: Auf welcher Stufe sind wir?

Haller Die Situation hat sich gewandelt. Ich würde sagen, wir waren zuerst auf zwei, jetzt sind wir auf sieben. Man hat das Problem offensichtlich lange nicht ernst genommen. Jetzt ist auf einmal eine Ängstlichkeit zu spüren, die fast wieder übertrieben scheint.

 

Welcher Typ Mensch kommt leichter mit der jetzigen Situation zurecht, welcher schwerer?

Haller Der kommunikative Typ, der, der gerne Partys und Events hat, leidet darunter natürlich sehr viel stärker. Jene Menschen, die ohnehin zurückgezogen leben, kommen besser zurecht. Bei denen muss man nur aufpassen, dass ihre ohnehin wenigen Kontakte nicht noch weniger werden. Insgesamt ist es für die Gesellschaft wie ein Training für ein Leben in Einsamkeit. Das Thema Einsamkeit wird für uns in den nächsten Jahren überhaupt eine der größten Herausforderungen. Stichwort Zunahme von Singles oder viele alte Menschen ohne Kontakte.

Was sind, psychologisch betrachtet, die eindeutig negativen Seiten einer Erfahrung wie der jetzigen?

Haller Negativ ist, dass die Angst zunehmen wird. Es gibt grundsätzlich immer mehr ängstliche Menschen in unserer Gesellschaft. Diese Angst vertieft sich. Ich treffe derzeit mehr Menschen, die mir sagen, wie bedrohlich und unheimlich sie das alles empfinden. Steigen werden auch Aggressivität und Depressionen. Es werden auch psychosomatische Erscheinungen zunehmen. Nicht mehr reisen zu können, nicht mehr in Restaurants und Bars gehen zu dürfen: All das vermindert die Lebensqualität und hat entsprechende Auswirkungen.

 

Kann man dem Ausnahmezustand auch Positives abgewinnen?

Haller Natürlich. Man kann innehalten, den Tiefgang einschalten. Der Rückzug hilft beim Stressabbau. Viele besinnen sich wieder auf Werte wie Leben, Existenz, Sicherheit. Narzistische Tendenzen werden gebremst. Menschen erleben die Grenzen des Machbaren, dass sich nicht alle Probleme sofort lösen lassen. Sehr positiv ist auch der Appell an den Zusammenhalt, der ja auch bei den VN forciert wird. Ich erlebe zudem eine Zusammenarbeit in der Forschung, wo man sonst Entdeckungen für sich reklamieren will. Jetzt gibt es einen gemeinsamen Feind, das Coronavirus.

 

Welche psychologischen Muster entwickeln sich in Situationen wie der jetzigen?

Haller Es findet eine Zentrierung auf sich statt, auch auf seinen Körper. Man wird sich der eigenen Zerbrechlichkeit bewusst. Es treten auch Existenzängste auf. Im Gegensatz zu früheren Generationen waren wir noch nie mit solchen Extremsituationen konfrontiert. Das belastet viele sehr.

 

Wie lässt sich erklären, dass sich Menschen jetzt völlig irrational vor allem mit Klopapier eindecken?

Haller Dinge wie Klopapier haben einmal den Fortschritt in Sachen Hygiene zum Ausdruck gebracht. Ich orte in diesem Verhalten eine Art Urangst, dass man sich seiner Hygienemöglichkeiten beraubt sieht. Es tritt hier eine Zwanghaftigkeit auf.

 

Wie sehr beunruhigt die Ungewissheit über die Dauer dieses Ausnahmezustandes?

Haller Das ist psychologisch das größte Problem. Es ist, wie wenn man vom Urlaub nicht mehr heim darf. Dann wird diese Zeit, die man vielleicht länger genießen könnte, auf einmal entwertet. Man darf Menschen, die wissen wollen, wie lange das alles noch geht, nicht in völliger Ungewissheit lassen. Man kann zum Beispiel auf China verweisen, wo sich die Situation nach sechs bis acht Wochen entspannte. Man muss auch betonen, dass solche Virusinfektionen vorbeigehen.

 

Immer noch gibt es Leute, welche die offiziellen Anordnungen ignorieren und die Coronapandemie für eine Art Verschwörung halten. Wie ist das zu erklären?

Haller Das ist in meinen Augen eine Form der Angstverdrängung. Bei Katastrophen neigt der Mensch zu paranoiden Vorstellungen.

 

Wie stellen Sie sich auf die vorherrschende Situation ein?

Haller Ich hätte derzeit einige Vorträge, die selbstverständlich alle abgesagt wurden. Als an und für sich ungeduldiger Mensch füge ich mich der Situation. Natürlich halte ich mich auch an alle Hygienevorschriften.

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