Kolumne

Monika Helfer

Die Verhandlung

Vor der Verhandlung war Maya aufgeregt, ihr Schlaf wurde unterbrochen von heftigen Angstattacken, aber sie wusste, sie musste es tun. Sie hatte es ihrem Mann geschworen, und zwar auf ihren zweijährigen Sohn, der friedlich neben ihr im Gitterbettchen träumte. Seine Stirnhaare ringelten sich, sie waren feucht. Maya schüttelte seine Decke auf und streichelte über sein Köpfchen. Ja, ich werde es tun, sagte sie sich. Ihr Mann war im Nachtdienst, er würde sie am Tag ablösen, und sie würde das vereinbarte Gespräch mit ihrem Chef führen. Eine Gehaltsverhandlung. Maya hatte einen guten Job, sie war weitsichtig und sehr geschätzt, aber sie verdiente viel zu wenig für das, was sie tat. Das sagte ihr Mann. Jeden Tag hielt er es ihr vor – dass sie überqualifiziert sei und er sich nur wundern könne. Sie verdiente, was sie bereits vor fünf Jahren verdient hatte. „Du glaubst doch nicht wirklich“, sagte er, „dass die dich von sich aus aufwerten wollen, sie freuen sich über deine Zufriedenheit!“ Mayas Mann war Pfleger im Krankenhaus, ein viriler Typ, den sie vergötterte. Gut, einen Menschen zu vergöttern war ein wenig einfältig. Sie wusste, sie war gescheiter als er, hatte mehr studiert, er aber strahlte Sicherheit aus. Oft war sie von Eifersucht geplagt, ob berechtigt oder nicht, sie wusste es nicht. Jedenfalls wollte sie ihn nicht enttäuschen.

Heute würde es geschehen. Maya, die sich Selbstbewusstsein einredete, zog ihren dunkelblauen Hosenanzug an, eine weiße Bluse, seine Krawatte zur Respekteinflößung. Aber sie hatte Angst. Sie rieb sich ihre kalten Hände, befahl sich Disziplin, und, wie von ihrem Mann befohlen, war sie es, die das Gespräch eröffnete. Ihr Chef fläzte in seinem Sessel, sah aus wie aus einer amerikanischen Serie.

„Es ist“, sagte sie und wurde bereits unterbrochen:

„Kaffee? Tee? Haben Sie schon gefrühstückt? Sie sehen blass aus.“

Maya überging sein Geplänkel. „Es ist wegen des Gehalts. Ich brauche mehr. Was ich leiste, wird nicht gebührend honoriert.“ Das waren die Worte ihres Mannes.

Der Chef sah sie mit müden Augen an. „Erst einmal trinken wir einen Kaffee-Fertig.“ Seine Spezialität, starker Kaffee mit Schnaps, eine Schweizer Spezialität.

Sie schüttete das Getränk hinunter und verbrannte sich die Zunge.

„Was stellen Sie sich vor, Maya?“

Seit wann wurde sie von ihm mit ihrem Vornamen angesprochen? Sie dachte, ich sage: Das Doppelte, aber sie sagte: „Ein Drittel mehr.“

„O.k.“, sagte der Chef, „gebongt!“, und schüttelte ihre kalte Hand.

Monika Helfer

monika.helfer@vn.at

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.

„Du glaubst doch nicht wirklich, dass die dich von sich aus aufwerten wollen, sie freuen sich über deine Zufriedenheit!“

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