Kommentar

Reinhard Haller

Die Hände dreckig machen

Wenn zu Zeiten meiner Kindheit jemand eine neue Stelle bekommen hat, gab es zwei Kriterien für deren Qualität und die beruflichen Aufstiegschancen.: Handelt es sich um eine Arbeit unter Dach und muss man sich dabei die Hände noch dreckig machen. Seit damals befällt mich irgendwie ein schlechtes Gewissen, wenn ich Menschen begegne, die bei ihrer Arbeit in den Schmutz greifen müssen, während ich selbst mit sauberen Händen im feinen Büro den Beruf ausüben darf. Bau- und Straßenarbeiter, Monteure, Landwirte, Müllmänner, Pflegerinnen oder viele Handwerker, um nur einige zu nennen, sind nicht so privilegiert. Sie müssen unter meist harten äußeren Bedingungen, oft im Schweiße ihres ganzen Körpers, das Brot verdienen. Im Allgemeinen werden sie nicht gerade fürstlich entlohnt und erhalten wenig Anerkennung.

Dies beginnt schon damit, dass Arbeiten, bei denen man sich schmutzig macht, pauschal als weniger wertvoll gelten und etwas für „Minderqualifizierte“ sei. Zwischenfrage: Wo bleibt die Hochqualifikation des berühmten Professors, wenn er Schneeketten aufziehen oder einen Nagel gerade in die Wand schlagen soll? Die Geringschätzung setzt sich fort mit dem moralisierenden Kontext, in welchen wir die Worte von den schmutzigen Händen stellen: Drecksarbeit steht für etwas Verwerfliches und keine sauberen Finger zu haben heißt, etwas Unrechtes oder Unanständiges getan zu haben. Den Tiefpunkt der Missachtung erleben wir aber in der Sozial- und Bildungsdiskussion, in der für diese Gruppe alle möglichen Schreckensszenarien, von sozialem Abstieg über Arbeitslosigkeit bis zu Verlierertum reichend, heraufbeschworen werden. In manchen als innovativ gepriesenen sozial- und bildungspolitischen Konzepten werden die mit den verarbeiten Händen nicht einmal mehr erwähnt.

Unzweifelhaft hat sich die Arbeitswelt radikal gewandelt und wird sich weiter ändern. Und jedermann wird der Notwendigkeit von Bildung und nochmals Bildung zustimmen, nicht nur aus beruflichen Gründen. Trotzdem sei die Frage an die Experten gestattet, wer denn in Zukunft noch die „Drecksarbeit“ macht, .ja, wer sie überhaupt noch kann ? Auch in einer noch so schönen neuen Welt wird sehr viel an solchen Tätigkeiten anfallen. Niemals wird der Mensch alles an Computer und humanoide Roboter delegieren können. Deshalb kann die Forderung an Bildungswissenschaftler, Sozialpolitiker und Zukunftsforscher nur lauten: Mehr Wertschätzung für jene, die sich bei der Arbeit noch die Hände dreckig machen.

Reinhard Haller

reinhard.haller@vn.at

Univ.-Prof. Prim. Dr. Reinhard Haller ist Psychiater, Psychotherapeut
und früherer Chefarzt des Krankenhauses Maria Ebene.

„Drecksarbeit steht für etwas Verwerfliches und keine sauberen Finger zu haben heißt, etwas Unrechtes oder Unanständiges getan zu haben.“

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