Kommentar

Wolfgang Burtscher

Ende der Komfortzone

Es gibt Politiker-Reden, die bleiben im Gedächtnis. John F. Kennedys „Ich bin ein Berliner“ von 1963, Martin Luther Kings „I have a dream“ aus demselben Jahr oder Angela Merkels „Wir schaffen das“ (2015). In Österreich wird man sich noch lange an die Worte von Bundespräsident Kirchschläger über das „Trockenlegen der Sümpfe und sauren Wiesen“ erinnern. Das war 1980 aus Anlass des Skandals um das Wiener Allgemeine Krankenhaus, hat aber angesichts von Ibiza offenbar zeitlose Aktualität. Vom amtierenden Bundespräsidenten könnte der auf Ibiza gemünzte Satz „Wir sind nicht so“ in Erinnerung bleiben. Vielleicht aber auch dessen Worte zur Eröffnung der Bregenzer Festspiele: „Wir alle werden uns aus unserer Komfortzone herausbewegen müssen“, damit aus dem Klimanotstand nicht eine Klimakatastrophe werde. Die zukünftige Bundesregierung müsste Van der Bellen zutiefst dankbar sein, dass er etwas ausspricht, wovor sich die bisherigen Regierungen gefürchtet haben wie der Teufel vorm Weihwasser. Dass nämlich der Kampf gegen den Klimawandel alle angeht und alle etwas kosten wird.

Ach ja, wir sind im Müllsammeln schon beinahe Weltmeister und schaffen es auch, zunehmend auf Plastiksäckle und andere Verpackungen zu verzichten. Wir fahren mehr Rad und etwas weniger Auto. Manche beginnen, sich fürs Fliegen zu schämen. Wir benutzen unsere Öffis häufiger, zumal wir in Vorarlberg ein Bahn- und Busnetz haben, das dazu auch animiert. Manche essen weniger Fleisch, weil dessen Produktion das Klima stark belastet.

Das ist alles freiwillig und wird bei weitem nicht reichen. Zu den wirklich einschneidenden Maßnahmen muss man die Menschen verpflichten. Einschneidend heißt: Eine Steuer auf CO2 und andere Treibhausgase, die das Klima nachhaltig schädigen. In Deutschland hat Angela Merkel ein renommiertes Institut für Klimaforschung mit einem Gutachten beauftragt, um den richtigen Preis für eine CO2-Steuer im Kampf gegen die globale Erwärmung zu berechnen. Ergebnis: Sukzessive sollen die Treibstoffpreise um 37 Cent je Liter und analog die Heizölpreise angehoben werden, um Anreize für die Verminderung von Emissionen und für geeignete Investitionen zu setzen. Das wird für die deutsche Regierung eine harte Nuss, die nächste Wahl kommt bestimmt, spätestens 2021.

CO2-Steuer unumgänglich

Und wir? Wir haben schon Wahlkampf. Gerade wieder haben der Wahl-Favorit, Sebastian Kurz, aber auch seine bisherige Umweltministerin Köstinger eine CO2-Abgabe ausgeschlossen, weil das auf Kosten des ländlichen Raumes und der Pendler gehe. Brauchen wir noch mehr Hitzewellen? Heuer schon dreimal. Brauchen wir noch mehr Nachhilfe durch unsere Jugend? Wie sagte am Samstag der Bundespräsident bei der Eröffnung der Salzburger Festspiele, unter heftigem Beifall des honorigen Publikums? Man höre von jungen Menschen, die auf die Straße gehen, und sehe „politische Parteien, die bisher in dieser Hinsicht nicht auffällig waren, die sich jetzt den Klimaschutz auf ihre Fahnen heften“. Und noch deutlicher als in Bregenz: „Wenn wir so weiterleben wollen, werden wir nicht so weitermachen können.“ Mal schauen, ob die Wahlkämpfer den Wink mit dem Zaunpfahl verstehen – und die Versprechen dann auch umsetzen.

Wolfgang
Burtscher

wolfgang.burtscher@vn.at

Wolfgang Burtscher, Journalist und ehemaliger ORF-Landes­direktor, lebt in Feldkirch.

„Manche essen weniger Fleisch, weil dessen Produktion das Klima stark belastet.“

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