„Ich bin so froh, wenn jemand kommt“

von Martina Kuster
Traudi ist krank und auf den Rollstuhl angewiesen. Die Invaliditätsrentnerin schämt sich, dass sie einsam ist. „Dabei kann ich nichts dafür.“ kum

Traudi ist krank und auf den Rollstuhl angewiesen. Die Invaliditätsrentnerin schämt sich, dass sie einsam ist. „Dabei kann ich nichts dafür.“ kum

Traudi ist einsam. Einmal im Monat hat sie Besuch von einer Caritas-Mitarbeiterin.

Schwarzach Traudi (66) hatte sich ihr Leben im Alter anders vorgestellt. „Ich sah mich als Großmutter, umgeben von Enkeln.“ Aber es kam anders, als sie es sich gedacht hatte. Nach der Scheidung schlugen sich ihre Kinder auf die Seite des Vaters.

Der Kontakt zu ihnen ist heute sehr lose. „Wir telefonieren bloß hin und wieder.“ Die zweifache Mutter fragt sich, was sie falsch gemacht hat. „Vielleicht hätte ich weniger arbeiten sollen.“

Leidenschaftliche Unternehmerin

Die 66-Jährige führte zusammen mit ihrem Mann einen Betrieb. Dass er immer gut lief, hatte auch mit ihr zu tun, mit ihrer Tüchtigkeit. „Ich habe meinen Beruf mit Leidenschaft ausgeübt.“ Später bremste sie aber ihre Krankheit ein. Denn bereits mit Anfang 20 diagnostizierten die Ärzte bei Traudi eine unheilbare neurologische Krankheit. Diese wurde ihr im Alltag immer wieder zum Erschwernis. Ständig ging es mit ihr gesundheitlich auf und ab.

In der Pension begann sich die geschiedene Frau für Menschen zu engagieren, die wie sie unheilbar krank sind. Diese Tätigkeit gab ihrem Leben Sinn und Inhalt. Als diese vor einigen Jahren wegbrach, schlitterte Traudi geradewegs in die soziale Isolation und in eine Krise. Aus dieser ist sie bis heute nicht herausgekommen. „Ich bin allein, die ganze Woche“, grämt sich die kranke Rentnerin, dass kein Mensch auf Besuch kommt.

Im goldenen Käfig

Die Invaliditätspensionistin fühlt sich wie in einem goldenen Käfig. „Meine Wohnung ist schön. Aber manchmal fühle ich mich eingesperrt. Denn ich komme nicht oft raus.“ Sie kennt den Ausblick, der sich ihr vom Wohnzimmer aus bietet, bis ins kleinste Detail. „Wenn ich tagelang alleine in der Wohnung sitze, schaue ich aus dem Fenster, stundenlang.“

Traudi, die mittlerweile auf den Rollstuhl angewiesen ist, bedauert, dass sie keine Freundin und keine richtig guten Bekannten hat. „Als ich jung war, habe ich mich auf das Geschäft und die Familie konzentriert. Das war vielleicht ein Fehler.“

Kleiner Aktionsradius

Heute bieten sich ihr nicht mehr viele Möglichkeiten, jemanden kennenzulernen. Denn durch ihre fortschreitende Krankheit ist ihr Aktionsradius klein geworden und sie immer öfter an die Wohnung gefesselt. „Ich kann nicht mehr Ski fahren, schwimmen oder wandern.“ Selbst ein Spaziergang oder der Gang in den Supermarkt sind manchmal nicht möglich für sie. „Glücklicherweise geht mir dann eine Hospizbegleiterin einkaufen. Sonst würde ich verhungern.“

„Einsamkeit macht krank“

Die Hospizbegleiterin und eine ehrenamtliche Mitarbeiterin der Pfarrcaritas kommen einmal im Monat auf Besuch. Dann kann Traudi endlich wieder einmal mit jemandem reden. Diese Besuche sind für die alleinstehende Frau Lichtblicke in ihrem grauen Alltag. „Ich bin so froh, wenn jemand kommt.“ Aber die Einsamkeit holt sie schnell wieder ein. Manchmal hält Traudi sie nicht aus.

„Dann drehe ich mit dem Auto ein paar Runden. Oder ich fahre zum Supermarkt und halte mich eine Stunde im Geschäft auf.“ Sie sieht das ständige Alleinsein als Ursache dafür an, dass es in letzter Zeit gesundheitlich nur noch abwärts mit ihr geht. „Ich glaube, Einsamkeit macht krank.“

Filme gaukeln heile Welt vor

Sie verdunkelt auch ihr Gemüt. „Manchmal bin ich so traurig, dass ich nicht einschlafen kann. Dann fahre ich mit dem Rollstuhl im Kreis herum.“ Oder sie schaltet das Radio oder den Fernseher ein, weil ihr dies das trügerische Gefühl gibt, nicht ganz allein zu sein. Wenn sie Glück hat, läuft gerade ein Rosamunde-Pilcher-Film. Traudi mag Filme mit einem Happy-End. Sie gaukeln ihr wenigstens für zwei Stunden vor, dass es die heile Welt gibt und im Leben immer alles gut ausgeht. Nach solchen Filmen keimt in ihr kurzfristig Hoffnung auf. Dann träumt die kranke Rentnerin davon, dass Menschen um sie herum sind und ihre Kinder sich um sie kümmern.

„Die Werte haben sich verschoben, weg von der Familie hin zur Individualität.“

„Manchmal bin ich so traurig, dass ich abends einfach nicht einschlafen kann.“

Immer mehr Menschen vereinsamen

Schwarzach Einsamkeit ist in unserer Gesellschaft ein großes Thema. Den Beratern und Helfern von Sozialinstitutionen wie der Caritas und dem IfS ist aufgefallen, dass Menschen zunehmend unter Einsamkeit leiden und isoliert leben. Besonders betroffen sind ältere Menschen und Zuwanderer. „Immer mehr Menschen kommen wegen dieses Problems zu uns“, sagt Michael Thaler, Leiter des IfS-Fachbereichs „Familienberatung“.

Gesellschaftlicher Wandel

Einsamkeit könne viele Gründe haben: Tod des Partners, Scheidung, familiäre Konflikte. Außerdem sei Einsamkeit eine Begleiterscheinung des gesellschaftlichen Wandels. Die Gesellschaft habe sich durch die immer stärker werdende Individualisierung verändert. „Die Werte haben sich verschoben, weg von der Familie hin zur Individualität.“ Laut Thaler hat die Familie im Leben eines Menschen ihren Wert verloren, „zumindest phasenweise“. Bei der Caritas überlegt man schon länger, wie man einsame Menschen wieder in die Mitte der Gesellschaft holen könnte. Herausgekommen ist das Projekt „le.na“. le.na steht für lebendige Nachbarschaftshilfe. Freiwillige Mitarbeiter besuchen einsame Menschen und schenken ihnen Zeit. „Im Oberland haben wir bereits die ersten Besucher-Pools aufgebaut. Heuer wollen wir das auch in den anderen Regionen machen“, erklärt Ingrid Böhler, die den Fachbereich „Pfarrcaritas“ leitet. Auch Begegnungsräume sollen geschaffen werden, wo man sich unkompliziert begegnen kann. In Bludenz wurde dies mit dem „Donnschtig-Café“ bereits umgesetzt. „Mit dem Projekt le.na möchten wir aber auch einen Bewusstseinsprozess in Gang setzen, der Menschen für die gesundheitlichen und psychosozialen Folgen von Einsamkeit sensibilisiert und soziales Engagement in Gemeinde und Nachbarschaft als Teil der Gesundheitsförderung versteht und auch ermöglicht“, sagt Böhler. Chronische Einsamkeit macht krank. Das beweisen zahlreiche Studien. Fehlten den Menschen soziale Beziehungen, so stellten die Forscher ähnliche Auswirkungen fest wie beim Rauchen von 15 Zigaretten am Tag, Übergewicht oder Alkoholismus.

Mit rund 1,5 Millionen Single-Haushalten in Österreich haben sich die Ein-Personen-Haushalte seit 1986 verdoppelt, was viel Potenzial für soziale Isolation und somit Einsamkeit birgt. Auch in Vorarlberg nahm die Zahl der Ein-Personen-Haushalte stark zu. 1985 lebten im Ländle 23.000 Menschen alleine. Heute sind es 55.900. In England reagierte die Politik bereits auf die zunehmende Vereinsamung von wachsenden Teilen der Bevölkerung. Sie richtete ein Ministerium für Einsamkeit ein.

Bitte melden Sie sich an, um den Artikel in voller Länge zu drucken.

Bitte geben Sie Ihren
Gutscheincode ein.

Der eingegebene Gutscheincode
ist nicht gültig.
Bitte versuchen Sie es erneut.
Per E-Mail teilen
Entdecken Sie die VN in Top Qualität und
testen Sie jetzt 30 Tage kostenlos.