Kolumne

Monika Helfer

Du wirst es nicht glauben

Die alte Mutter saß in ihrem Lehnstuhl, den Hörer des Telefons fest umklammert, sie gab sich einen Ruck. Jetzt, sagte sie sich, werde ich ihn anrufen. Sie wählte die Nummer ihres Sohnes, er nahm gleich ab, fragte: „Rufst du wieder vom Festnetz an, oder hast du dich endlich ans Handy gewöhnt?“

„Reden wir über Existenzielles“, sagte sie. „Ich brauche deinen Segen für eine wichtige Angelegenheit, komm also, sobald du kannst.“

„Worum geht es?“, fragte der Sohn. „Du weißt, wie beschäftigt ich bin. Geht es um dein Testament?“

„Es geht um mein Leben“, sagte die Mutter. „Also, wann kann ich dich erwarten? Soll ich Nussschnecken besorgen?“

„Ich kann erst morgen“, sagte der Sohn. „Brauchst du etwas, was soll ich mitbringen?“

„Hol den besten Wein aus deinem Keller, mein Junggeselle, beeil dich.“

„Und? Wie ist das werte Befinden?“, fragte der Sohn am nächsten Tag. Brav zog er seine Straßenschuhe aus, einmal war er schon mit Scheiße an den Schuhsohlen durch ihren Salon spaziert, das würde nie mehr geschehen.

„Setz dich!“, sagte die Mutter. „Wie geht es deinem Freund?“

„Schwierig.“

„Ich dagegen“, sagte die Mutter, „bin in einer höchst glücklichen Situation.“

„Und die wäre?“

„Stell dir vor, mein Sohn, ich habe einen Mann kennengelernt, einen Spanier, er ist fünf Jahre jünger als ich, ein rassiger Mensch, und er will mich heiraten.“

„Er hat es auf dein Geld abgesehen“, sagte der Sohn.

„Du irrst dich, mein Geld will ich mit ihm auf der Hochzeitsreise nach Valencia verprassen. Er ist anständig, und er findet mich schön. Ich will ihn dir vorstellen. Ich verlange Respekt ihm gegenüber und kein schiefes Wort, verstanden!“

„Also ist dein Liebster fünfundsiebzig Jahre alt. Er ist ein Betrüger, glaube mir. Wo habt ihr euch kennengelernt?“

„Ein Fünfundsiebzigjähriger betrügt nicht mehr, dafür hat er zu wenig Zeit. Er stand vor meiner Tür, und gleich hat es geleuchtet. Also, willst du ihn nun sehen oder nicht?“

„Mama“, der Sohn ging auf die Knie und legte die Hände in den Schoß seiner Mutter. „Mama, du bist doch eine kluge Frau, hast keine Geldsorgen, du hast mich.“

„Ich will aber einen eigenen Mann. Gönn mir das Glück! Schau, ich habe deinen Vater gern gehabt, geliebt habe ich ihn nicht, und jetzt schickt mir der Himmel diesen Spanier.“

„Ich werde ihn mir anschauen, Mutter. Und wenn er mir nicht gefällt?“

„Dann gefällt er dir eben nicht“, sagte die Mutter und schob seine Hände weg.

„Was weißt du von ihm?“, fragte der Sohn. „Was hat er für einen Beruf gehabt? Ist er mittellos?“

„Er hat ein großes Herz, das genügt mir. Du wirst ihn mir nicht verleiden, komme, was wolle.“

Monika Helfer

monika.helfer@vn.at

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.

„Schau, ich habe deinen Vater gern gehabt, geliebt habe ich ihn nicht, und jetzt schickt mir der Himmel diesen Spanier.“

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