Der Ruhestand muss warten

von Marlies Mohr

Russ-Preis-Trägerin und „Buschärztin“ Elisabeth Neier kann nicht ans Aufhören denken.

Bludenz Dieses Weihnachtsfest wird für Elisabeth Neier (89) etwas Besonderes. Erstmals seit 30 Jahren ist nämlich auch ihre älteste Tochter mit dabei. Bisher verbrachte Elisabeth (65) die Feiertage stets in ihrem Spital im Busch von Kamerun. Diesmal setzte sie ein akuter Bandscheibenvorfall eine Woche vor der geplanten Rückreise außer Gefecht. Dennoch spricht sie von Glück im Unglück, weil hier sofort die entsprechende Therapie eingeleitet werden konnte. Eine Operation im Landeskrankenhaus Feldkirch mit anschließender Reha brachte die Ärztin schnell wieder auf die Beine. „Ja, es geht mir gut“,versichert Elisabeth Neier mit einem munteren Lachen und nimmt die Zwangspause gelassen. Dennoch verweilen ihre Gedanken oft bei ihren Patienten im fernen Ngaoubela. Die Frage nach dem Ruhestand, der wohlverdient wäre, beantwortet die engagierte Medizinerin und Russ-Preis-Trägerin vage. Natürlich denke sie manchmal daran, doch zuerst müsse die Nachfolge geregelt sein. Erst dann will sich Elisabeth Neier ernsthaft damit beschäftigen.

Starkes Netz an Unterstützung

Derweil genießt sie den Aufenthalt in ihrem Elternhaus in Bludenz. Es ist ihr mindestens einmal im Jahr ein sicherer Hafen. Hier kann sich Elisabeth Neier von den Strapazen, die die Arbeit in einem 170-Betten-Spital mitten im Busch mit sich bringt, erholen. Was die Bedingungen dort betrifft, macht sie sich keine Illusionen: „Die sind schwierig und werden schwierig bleiben.“ Es ist eine nüchterne Feststellung und Elisabeth Neier daran gewöhnt, zu improvisieren. Kein Strom? Dann operiert sie eben mit Stirnlampe. Der Alltag war stets ihr bester Lehrmeister. „In diesem Spital habe ich alles gelernt, was ich für meine Arbeit brauche“, erzählt Neier. Als sie in Ngaoubela anfing, musste sie mit deutlich weniger auskommen. Das Krankenhaus verfügte nur über 80 Betten – und das bei rund 10.000 Patienten im Jahr. Wer kein Bett hatte, der schlief auf Matten in den Gängen. Von der medizinischen Ausstattung ganz zu schweigen.

Der Einsatz der Buschärztin, wie Elisabeth Neier gerne genannt wird, blieb der Öffentlichkeit aber nicht lange verborgen. Mittlerweile kann sie auf ein starkes Netz an Zuwendung jedweder Art zählen. So gibt es etwa den Verein „Entwicklungspartnerschaft für Kamerun“, über den immer wieder medizinische Aushilfen nach Kamerun kommen. Außerdem hilft der Verein mit Gerätschaften und Geld. Zuletzt unterstützte er den Bau eines von Russ-Preis-Träger Hermann Kaufmann geplanten Operationstrakts. Auf den ist die Ärztin besonders stolz, denn nun sind adäquate Eingriffe auch bei schweren Erkrankungen wie Krebs, der immer häufiger wird, möglich.

Schwierige Personalsituation

Private Gönner greifen für Neier ebenfalls regelmäßig tief in die Tasche, so unter anderem ein Lustenauer, der stattliche 200.000 Euro spendete. Dank dieser vielgestaltigen Hilfe konnte sich das Krankenhaus gut entwickeln. Zwischenzeitlich entstanden auch Unterkünfte für die Angehörigen von Patienten. „Sie erfüllen bei der Betreuung eine wichtige Rolle“, erklärt Elisabeth Neier. Gleichzeitig muss viel erneuert werden, wie etwa das Labor, und eine kleine Ambulanz in der Nähe des Krankenhauses würde Neier auch noch gerne einrichten. Schon jetzt betreut sie zusätzlich fünf Außenstellen, um den Menschen die langen Wege zumindest ein bisschen abzukürzen. Schwierig sei es, das medizinische Personal zu halten. An guten Ärzten, die auf Dauer am Land arbeiten möchten, mangelt es auch in Kamerun. Zudem fehlt oft Geld, um die Löhne rechtzeitig auszahlen zu können.

Doch die zierliche Frau mit dem unbändigen Willen lässt sich von solchen Unzulänglichkeiten längst nicht mehr kleinkriegen. Schon eher macht ihr die Kälte in der Heimat zu schaffen. „Wir mussten erst passende Kleidung zusammensuchen“, berichtet die Mutter, die trotz ihres hohen Alters noch viel an Hilfe für ihre Tochter managt. Für diese geht es am 30. Dezember wieder zurück nach Kamerun. Bis dahin nützen die beiden Frauen die gemeinsame Zeit intensiv. „Schön, dass die Elisabeth noch länger da ist“, bemerkt die Mutter mit glänzenden Augen.

<p class="caption">Mutter Elisabeth (r.) und Tochter Elisabeth geht der Gesprächsstoff nie aus. Dafür sehen sich die beiden Frauen zumindest derzeit noch zu selten.  vn/stiplovsek</p>

Mutter Elisabeth (r.) und Tochter Elisabeth geht der Gesprächsstoff nie aus. Dafür sehen sich die beiden Frauen zumindest derzeit noch zu selten.  vn/stiplovsek

<p class="caption">Auch ohne Strom weiß sich Elisabeth Neier bei einer Operation zu helfen. hornik</p>

Auch ohne Strom weiß sich Elisabeth Neier bei einer Operation zu helfen. hornik

„Es mangelt auch in Kamerun an guten Ärzten, die auf Dauer am Land arbeiten möchten.“

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