Herum gemosert Fundstücke von Moritz Moser

Wie man einen Kaiser los wird

Der Ausrufung der Republik vor 100 Jahren stand ein Mann entgegen: der Kaiser. Er weigerte sich mit Verweis auf seinen Throneid, nachdrücklich von seiner Frau Zita unterstützt, abzudanken. Ein von mehreren Politikern ausgearbeitetes Papier sah daher nur einen Verzicht auf die Regierungsgeschäfte vor. Da das streng genommen keine Abdankung war, willigte der Kaiser schließlich am Mittag des 11. November 1918 ein und unterzeichnete die Verzichtserklärung.

Orden verteilt

Karl glaubte, dass man ihn ohnehin bald zurückrufen werde. Zuvor enthob er noch die letzte kaiserliche Regierung unter Heinrich Lammasch ihres Amtes und verzierte die scheidenden Minister auf gut Österreichisch mit Orden. Die kaiserliche Familie fuhr anschließend mit dem Automobil von Schönbrunn nach Eckartsau, wo sich ein Jagdschloss der Habsburger befand.

Am folgenden Tag wurde die Republik ausgerufen, nicht nur in Wien, sondern beispielsweise auch in Graz. Vorarlberg hatte seine Angelegenheiten schon geregelt und die Macht einem Landesausschuss übertragen. Der Einfluss der neuen Staatsregierung in Wien war zu diesem Zeitpunkt eher homöopathisch. Es kursierten bereits Petitionen, die einen Anschluss an die Schweiz forderten. Der Kaiser verschwand nach und nach aus dem öffentlichen Leben. Schon am 12. November verzichteten die Gerichte auf die bei Urteilen übliche Eingangsformel „Im Namen Seiner Majestät des Kaisers“. Wenige Tage später wurden alle Verurteilungen wegen Majestätsbeleidigung amnestiert. Auch das kaiserliche Gesicht verschwand nach und nach: Bilder des Monarchen wurden abgehängt, Briefmarken überstempelt. Ein Linzer Maler bot an, Kaiserbilder mit Landschaften zu übermalen. In Innsbruck warf eine Klosterschülerin ein von den Nonnen aus Protest gegen die Republik angebrachtes Bildnis des Kaisers aus dem Fenster. In einer tschechischen Volksschule hingegen wurden die Schulkinder von den Lehrern angewiesen, ein Bild Kaiser Franz Josephs aus dem Schulbuch zu reißen und darauf herumzutrampeln.

„Treu zum Heimatlande“

Vorarlberg ging mit dem Übergang zur Republik weniger revolutionär um, hatte aber dennoch Änderungsbedarf: In der zweiten Strophe der erst später offiziell angenommenen Landeshymne hieß es ursprünglich „hier hält man treu zum alten Kaiser“. Die Zeile wurde durch „hier hält man treu zum Heimatlande“ ersetzt. Auch Treue ist relativ.

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