Kommentar

Reinhold Bilgeri

Altach

Als ich einst fiebrig von einem tollen Altach-Spiel schwärmte, konnte sich Frau Ammann ungerührt in den Wellenschlag des Emsbachs vertiefen, aus fraulichem Desinteresse, wie ich vermutete, dabei wars nur der dezente Hinweis auf den Provinzaspekt, den sie mit Altach verband, mit anderen Worten – die Kunst des Fußballs interessiert sie nur in höchster Vollendung. In letzter Zeit klopft sie wieder öfters an meine Tür, um sich „gschamig“ auf die TV-Couch zu setzen, ein entschuldigendes Lächeln auf den Lippen, das mir sagen soll: „Nix gegen Altach, aber das da ist halt doch . . .“ No na. Da spielen die Größten, sag ich, die sind millionenschwer und einige von ihnen sogar ihr Geld wert, aber auch DIE waren mal Altach. Sie ahnt mein verletztes Fanherz und beginnt mir zu erklären, dass ihre Liebe zum Leder sehr wohl eine generelle sei.

Fußball ist wie unser Leben, sagt sie, deshalb sind so viele verrückt danach, wenn man es mal begriffen hat. Lernen, Üben, Können, Scheitern, Fallen, Aufstehen, Siegen, Kämpfen, Beißen, Intrige, Bluff, Mut, Hochmut, Verzweiflung, Triumph und Tränen, die Publikumskameras schicken uns das ganze Seelenpanorama der Fans und der Gladiatoren ins Wohnzimmer, fast andächtig sagt sie das, die Frau Ammann, und ein Spiel wie Portugal gegen Spanien war ein Hochamt dieser Kunst, wie Weihnachten, sagt sie, wie Weihnachten.

Wie sich da der spanische Tormann vor Ronaldo aufpflanzt, um ihn einzuschüchtern, bevor der zum Freistoß antritt, sagt sie, Auge in Auge, ich mach dir weiche Knie, Kerl, mich schaffst du nicht, und dann knallt ihm der eine gezirkelte Banane ins Kreuzeck, damit jeder weiß, wo Gott wohnt – nämlich in Portugal.

Das war Weihnachten, das mein ich damit, das höchste Fest der Gefühle. Das Geheimnis dabei: Selbst die Gegner ertappen in ihrem innersten Herzen einen Anflug von Entzücken. Das sind die Momente eines Spiels, in dem sich Gegnerschaft auflöst in der Schönheit des Augenblicks und alle, Freund und Feind, in trauter Eintracht auf den Tabernakel starren, in dem das Unglaubliche geschieht.

Schön gesagt, sag ich, aber ziemlich dick aufgetragen. Sie lächelt nur und hält ihren Blick auf den Bildschirm. Könnte ja auch in Altach passieren, sagt sie, so ein Bananenschuss. Altach ist nicht Weihnachten, aber Advent allemal. Hut ab. Die Frau versteht was von Fußball.

Reinhold Bilgeri

reinhold.bilgeri@vn.at

Reinhold Bilgeri ist Musiker, Schriftsteller und Filmemacher, er lebt als freischaffender Künstler in Lochau.

„Altach ist nicht Weihnachten, aber Advent allemal.“

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