Auf sechs Beinen Richtung Genuss

von Geraldine Reiner
Auch die Larven der Mehlkäfer (Mehlwürmer, Bild links) und Grillen sind in Österreich zum Verzehr zugelassen. 

Auch die Larven der Mehlkäfer (Mehlwürmer, Bild links) und Grillen sind in Österreich zum Verzehr zugelassen. 

Insekten sind in den Vorarlberger Lebensmittelregalen gelandet.

Schwarzach In seiner Tätigkeit als Leiter der amtlichen Lebensmittelkontrolle sind Bernhard Zainer Insekten bislang nur in ihrer störenden Form, nämlich als Ungeziefer, untergekommen. Das könnte sich allerdings bald ändern: Der Lebensmittelgroßhändler Metro setzt in Österreich ab sofort auf Insekten als Nahrungsmittel. Angeboten werden gefriergetrocknete Grillen, Heuschrecken, Mehlwürmer und Buffalowürmer. „Laut einer Schätzung der Welternährungsorganisation FAO sind weltweit rund 1900 Insektenarten essbar. Unsere vorerst vier Proteinpakete sind somit vielleicht erst der Anfang“, meint Geschäftsführer Arno Wohlfahrter.

Knusprig, nussig, vergleichbar mit Hühnerhaut oder Sonnenblumenkernen: Während es für mindestens zwei Milliarden Menschen auf der Welt ganz normal ist, Insekten zu essen, verbinden viele Europäer damit eher die Ekelprüfungen beim Dschungelcamp. Dabei ist der Verzehr von Krabbeltieren auch hierzulande keine komplett neue Entwicklung. „Bei den Griechen waren Bienenlarven eine Delikatesse. In Mangelzeiten kam auch bei uns manchmal Maikäfersuppe auf den Tisch“, erzählt Ernährungsexpertin Hanni Rützler. Mit ihrem Foodreport, der vom Zukunftsinstitut herausgegeben wird, beleuchtet die gebürtige Bregenzerin alljährlich die wichtigsten Ernährungstrends. Dass Insekten als Nahrungsmittel in unserem Kulturraum nicht die Norm sind, habe wahrscheinlich auch damit zu tun, dass wir leichten Zugang zu anderen tierischen Eiweißquellen haben. „Außerdem treten Insekten bei uns nicht in saisonal größeren Gruppen auf. Es ist daher aufwendiger, sie zu fangen. Aber Tatsache ist, dass es Zigtausende Arten von Insekten gibt, ein Großteil davon wirklich essbar ist und sie rein ernährungsphysiologisch betrachtet, vor allem in Bezug auf das Eiweiß, ganz hochwertige tierische Nahrungsmittel sind“, erläutert Rützler. Was die sechsbeinigen Tiere außerdem interessant mache, sei ihre Ökobilanz. „Der Landverbrauch wie auch der Wasserverbrauch sind bei der Zucht vergleichsweise gering, sie brauchen deutlich weniger Futter als andere Tiere, wachsen sehr schnell und können als Schwarmtiere auch in der Massenzucht artgerecht gehalten werden.“

Nicht zerkleinert

In Österreich hat das Gesundheitsministerium im Februar 2017 eine neue Leitlinie für Insekten erlassen, die zum Verzehr gedacht sind. Demnach dürfen die Tiere nicht in zerkleinerter oder gemahlener Form auf den Markt gebracht werden, sondern müssen eindeutig als Insekten erkennbar sein und aus einer Zucht stammen. Auf der Verpackung sollen Hinweise zu Art und Verarbeitung angeführt werden. Um die mikrobiologische und toxikologische Sicherheit zu gewährleisten, müssen sie auf Erreger wie Bakterien oder Viren und Giftstoffe getestet sein.

In einigen Restaurants finden sich bereits Insektenspezialitäten auf der Karte. Wie die Österreicher grundsätzlich dazu stehen, hat die Vorarlbergerin Sabrina Stockinger im Rahmen ihrer Masterarbeit an der FH Wiener Neustadt erhoben (siehe Grafik). Demnach könnten sich 45,5 Prozent der 638 Befragten vorstellen, Insekten regelmäßig in ihren Speiseplan zu integrieren. Dass Wurm und Co. bei uns in den nächsten zehn Jahren eine breite Akzeptanz finden, wagt Hanni Rützler zu bezweifeln: „Aber ich glaube, dass sie sich durchaus in den Nischen etablieren werden, vor allem im Bereich der verarbeiteten Produkte. In Form von Proteinriegeln oder als Bestandteil von Burger-Patties.“ Der Wunsch der Ernährungsexpertin: „Man sollte an das Thema mit viel Information und kühlem Kopf herangehen. Wir machen es uns zu einfach, wenn wir nur sagen igitt und fertig. In Bezug auf das Thema Welternährung verbirgt sich dahinter ein Riesenpotenzial“, hält sie fest.

„In Mangelzeit kam auch bei uns manchmal Maikäfersuppe auf den Tisch.“

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