„Dachten, goldenes Zeitalter beginnt“

von Martina Kuster
Gertrude Liebe erinnert sich noch gut an die Zeit des Nationalsozialismus. Vn/KH

Gertrude Liebe erinnert sich noch gut an die Zeit des Nationalsozialismus. Vn/KH

Gertrude Liebe war 14 Jahre alt, als deutsche Soldaten im März 1938 in ihrem Wohnort Landeck einmarschierten.

Bregenz „Ich hörte Trommeln, Pfeifenklänge und Heil-Hitler-Rufe.“ Auch das Gedröhn von Marschschritten entging Gertrude nicht. „Meine Mutter schluchzte: ,Jetzt haben wir kein Österreich mehr‘“. Ihr Vater, der Gendarmerie-Postenkommandant von Landeck, war ebenfalls in gedrückter Stimmung, als er nach Hause kam. Beim Einmarsch der deutschen Truppen hatte der leitende Gendarmeriebeamte den Befehl zu schießen. „Aber angesichts der Übermacht hat er den Befehl nicht gegeben“, weiß seine Tochter. Sie erinnert sich, wie er ihrem Bruder befahl: „Geh‘ zu den Soldaten und hole Brot von den neuen Herren.“ Gleich nach dem Anschluss wurde Gertrudes Vater, ein gebürtiger Vorarlberger, nach Wien versetzt. Die Familie übersiedelte in die Bundeshauptstadt. „Dort wimmelte es nur so von Soldaten.“ Als Hitler nach Wien kam, wollte auch Gertrude ihn sehen. „Tausende Menschen waren da und schrien ,Heil Hitler.‘ Ich fing auch an zu schreien, als ich ihn sah“, erinnert sie sich.

„Konnten uns mehr leisten“

Ihrer Familie ging es nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich wirtschaftlich wesentlich besser. „Auf einmal war alles besser. Mein Vater verdiente besser, man konnte wieder einkaufen in den Geschäften. Vorher war alles so teuer, dass man es sich nicht leisten konnte. Aber nun konnte ich mir einen Lodenmantel und eine Bluse kaufen.“ Sogar eine Uhr und ein Fahrrad seien jetzt im Budget drinnen gewesen. Vor dem Anschluss seien zu Hause Schwarzbrot, Polenta und Malzkaffee auf den Tisch gekommen. „Butter und Weißbrot kannte ich nicht.“ Danach konnte sich die Heranwachsende Butter und Honig auf die Semmel schmieren. „Wir dachten, dass ein goldenes Zeitalter beginnt, eine Zeit ohne Arbeitslosigkeit“, erzählt Gertrude mit nachdenklichem Gesichtsausdruck.

Die Arbeitslosigkeit ging in Österreich nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten zurück, weil der Reichsarbeitsdienst (RDA) und ein (militärisch orientiertes) Straßenbauprogramm sowie der Aufbau von Rüstungsindustrien Arbeitslose aufsogen. In Wien schloss sich die Hasch-Schülerin dem Bund deutscher Mädel (BDM) an. „Man musste dabei sein, sonst wäre meine Familie geächtet worden und hätte mit Sanktionen zu rechnen gehabt.“

Sie erinnert sich, wie sie und andere junge Mädchen auf Zeltlager geschickt wurden. „Wir haben gesungen, Sport gemacht und mit Reifen und Keulen gespielt. Es war wunderschön. Uns junge Menschen hat der Zusammenhalt fasziniert.“ Nachsatz: „Aber uns wurden auch die Lehren des Nationalsozialismus beigebracht.“ Als die deutsche Wehrmacht am 1. September 1939 Polen überfiel, war Gertrude klar, „dass das ein Anzeichen von Krieg ist. Glücklich war man nicht darüber.“ Die junge Frau trat der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) bei. Dort organisierte sie die Kinderlandverschickung. „Ich habe Kindertransporte nach Deutschland auf die Beine gestellt und Kinder zur Erholung an die Ostsee geschickt.“

Als Sozialarbeiterin tätig

Während des Kriegs, ab 1941, arbeitete sie als Volkspflegerin, sprich Sozialarbeiterin, unter anderem war sie als Familienhelferin und in einer Gebärklinik und in einem Mutterheim tätig. „Dort habe ich zum ersten Mal gesehen, wie eine Frau ein Kind bekommt. Es entschlüpfte ihr. Danach durchtrennte die frischgebackene Mutter mit ihren Zähnen die Nabelschnur.“ Die ausgebildete Sozialarbeiterin war zuversichtlich, was den Kriegsverlauf anging. „Ich dachte, wir siegen weiter. Hitler redete toll. Die Propaganda war stark und mächtig. Fernseher gab es damals noch keinen, nur den Völkischen Beobachter (Anm. der Redaktion: die NSDAP-Zeitung).“

„Es war furchtbar“

Noch heute überrieselt sie ein Schauer, wenn sie daran denkt, wie sie und andere damals voller Inbrunst sangen: „Heute gehört uns Deutschland, morgen die ganze Welt.“ Bis zuletzt habe man geglaubt, dass Hitler den Krieg gewinnt. „Wir meinten, dass er eine Geheimwaffe besitzt.“ Umso ernüchternder war die Kapitulation beziehungsweise das Kriegsende. „Es war furchtbar, weil so viele Menschen auf dem Feld blieben. In meinem Bekanntenkreis kamen von zehn eingezogenen Burschen neun nicht wieder.“ Gertrude selbst wäre in den letzten Kriegstagen beinahe umgekommen: Als sie 1945 im Zug in Richtung Vorarlberg saß, wurde er von feindlichen Fliegern angegriffen. In letzter Sekunde konnte sie sich unter einen Waggon flüchten. „Wenn ich oben geblieben wäre, wäre ich gestorben. Dort war alles zertrümmert.“

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Die junge Frau arbeitete während der NS-Zeit als Volkspflegerin.

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