Kommentar

Reinhold Bilgeri

Verpasst

Das kostbarste Gut, das Menschen zu produzieren imstande sind, heißt es, sind ihre Kinder. Eine sehr begrüßenswerte Maxime, die auf den ersten Blick jeder Weltenbürger unterschreiben würde, ganz generell und speziell aus eigener Erfahrung – jeder kennt den Glücksschauer, den der Anblick eines Babys in uns auslöst, wenn Beschützerinstinkt, Liebe und Empathie zusammenfließen und wir zurücklächeln in ein kleines Universum aus Unschuld und Heiligkeit, so hat es die Frau Ammann formuliert.

Unsere Babys, unantastbar, die Stars aller Zuneigung. Frau Ammann fragt sich, woran es wohl liegen mag, dass dieser Liebesglanz bei so vielen so rasch verblassen kann. Was so süß und unschuldig war, kreuzt plötzlich quer durch den Tagesplan seiner Erzeuger, verlangt uns was ab, Liebe und Pflicht. So ist das. Der Alltag ist eingekehrt und – der Glanz erloschen? Die süßen Kleinen werden plötzlich zu „Gofen“, „Gschroppn“ oder „Quälgeistern“ und selbst ihr Liebreiz relativiert sich im Auge des Betrachters. Später werden daraus dann „Gfrasster“, „Lümmel“ oder „Monster“. Vorbei mit Unschuld und Heiligkeit?

Frau Ammann saß in einem Park und hat sich Momentaufnahmen aus einem angrenzenden Kindergarten eingeprägt. Feine Gegend in Wien. Die reine Idylle war‘s nicht. Gestresste Mamis, die um 7 Uhr ihre schlafenden Babys übergeben, mit der Bitte an die Betreuerinnen, die Kleinen nachmittags schön wach zu halten, der Papa fährt dann beim Abholen noch zweimal um den Block, um das abendliche Einschlafen zu erleichtern. Die vielbeschworene „Quality Time“, die man für die Kleinen freischaufeln wollte, schrumpft dann zum Gutenachtkuss. Das erste Krabbeln, das erste Wort, der erste Schritt, unwiederbringliche Augenblicke. Verpasst. Aus. Das Leben ist mitleidlos. Es gibt kein Zurück.

Während wir strampeln, sitzen viele kleine Menschen in ihrem Ozean aus Spielzeug und warten auf Augenkontakt. Der Arbeitstakt diktiert unseren Rhythmus und damit auch unser Seelenleben, hat alle fest im Griff. Zugegeben eine Momentaufnahme, sagt Frau Ammann, nur ein Eindruck, aber einer, der sich häuft. Es gibt auch Spielwiesen, die nach Idylle klingen, mag sein, aber eines sollte uns klar sein – unsere Lebensentwürfe dürfen nicht allein von Wirtschaft, Politik oder Ideologie entschieden werden, Initiativen müssen gefälligst erlaubt sein, und wenn es Schwarzenberger Eltern „wagen“, die wichtigste aller Agenden selbst in die Hand zu nehmen, haben sie keine Häme verdient, sondern Respekt.

Reinhold Bilgeri

reinhold.bilgeri@vn.at

Reinhold Bilgeri ist Musiker, Schriftsteller und Filmemacher, er lebt als freischaffender Künstler in Lochau.

„ Die vielbeschworene ,Quality Time‘, die man für die Kleinen freischaufeln wollte, schrumpft dann zum Gutenachtkuss.“

Artikel 1 von 1
Bitte melden Sie sich an, um den Artikel in voller Länge zu drucken.

Bitte geben Sie Ihren
Gutscheincode ein.

Der eingegebene Gutscheincode
ist nicht gültig.
Bitte versuchen Sie es erneut.
Per E-Mail teilen
Entdecken Sie die VN in Top Qualität und
testen Sie jetzt 30 Tage kostenlos.