Kommentar

Reinhard Haller

Medikamenten-Sucht

Die USA sind uns in vielem ein Stück voraus, auch in Sachen Sucht. Dort hat Präsident Trump dieser Tage, was im Wirbel um die rechtsextreme Gewalt untergegangen ist, wegen der sogenannten Opioidkrise den nationalen Notstand ausgerufen. Bei dieser Gesundheitskatastrophe geht es nicht so sehr um das traditionelle Straßenheroin, sondern um verschreibungspflichtige Schmerzmittel, die Opiate enthalten. Laut einer Berechnung der amerikanischen Gesellschaft für Suchtmedizin sind diese hinter Alkohol zur zweithäufigsten Suchtsubstanz geworden. Zwei bis drei Millionen US-Bürger sind davon abhängig, jeden Tag sterben etwa 90 Menschen an Überdosierungen. Besonders betroffen ist die Stadt Huntington, in der jeder vierte Einwohner medikamentensüchtig sein soll.

Diese Entwicklung ist in noch nicht so dramatischer, aber eindeutig zunehmender Form auch bei uns zu beobachten. Vor allem der Missbrauch von Beruhigungs- und Schlaftabletten, aber auch jener von Schmerzmitteln steigt in letzter Zeit kontinuierlich an. Besonders betroffen sind Frauen ab dem 40. Lebensjahr, sehr leistungsbezogene und extrem gestresste Menschen, aber auch Personen mit Vereinsamungs- und Sinnlosigkeitsgefühlen. In Österreich wird die Zahl der Abhängigen auf 190.000 geschätzt. Im Krankenhaus Maria Ebene, wo in früheren Jahren oft kein einziger Patient wegen Medikamentensucht aufgenommen werden musste, hat bereits jeder Dritte damit zu kämpfen.

Ein Suchtmittel schenkt nichts. Im Entzug, der bei keiner anderen Suchtform so schwer und langwierig ist wie bei der Medikamentenabhängigkeit, wird der Preis für die ursprünglich sehr angenehme Wirkung bezahlt: Unterdrückte Schmerzen werden unerträglich, Euphorie schlägt in Depression um und Beruhigung mündet in innerem Chaos. Um diese Beschwerden zu unterdrücken, wird wiederum zu den bei richtiger Anwendung sehr hilfreichen Mitteln in höherer Dosis gegriffen. Unbemerkt wird so der Teufelskreis der Sucht eröffnet.

Der quantensprungartige Anstieg der Medikamentensucht hat nicht nur mit der unerschöpflichen Verfügbarkeit und der viel kritisierten raschen Verschreibung zu tun.

Vielmehr ist der Druck auf überforderte, ausgebrannte, schlaflose und erschöpfte Menschen in unserer hektisch gewordenen Welt immens angestiegen. Wenn wir an die auch in Vorarlberg aufkommende Gefahr von Hirndoping oder Leistungspushen am Arbeitsplatz denken, scheinen wir auf eine Gesellschaft zuzusteuern, die nicht trotz, sondern wegen der Suchtmittel funktioniert.

reinhard.haller@vn.at
Univ.-Prof. Prim. Dr. Reinhard Haller ist Psychiater, Psychotherapeut
und Chefarzt des Krankenhauses Maria Ebene.

Vor allem der Missbrauch von Beruhigungs- und Schlaftabletten steigt in letzter Zeit kontinuierlich an.

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