Plötzlich kamen Tod und Terror

von Klaus Hämmerle
Havend Rasho Talo ist froh, aus dem Irak nach Vorarlberg gekommen zu sein.  Foto: VN/Steurer

Havend Rasho Talo ist froh, aus dem Irak nach Vorarlberg gekommen zu sein.  Foto: VN/Steurer

Jeside Havend Rasho Talo erzählt über den IS und sein Leben im sicheren Österreich.

Wolfurt. Sie zählten zu den am schlimmsten leidenden Opfern der IS-Terroristen im Nordirak und in Nordsyrien: die Jesiden, eine religiöse Minderheit mit kurdischen Wurzeln. Als Teufelsanbeter betrachtet, waren sie seitens der Schlächter des Islamischen Staates besonderen Grausamkeiten ausgesetzt.

Geglückte Flucht

Havend Rasho Talo (26) ist ein Jeside, einer, der Glück hatte. Als die Terroristen im Sommer den Nordirak mit der Millionenstadt Mossul überrannten, befand sich Talo, der aus Mossul stammt, in einer hauptsächlich von Jesiden bewohnten Stadt außerhalb Mossuls. Er arbeitete dort als Barkeeper in einem Hotel. Im Sommer 2014 war es mit dem gewohnten Leben für Havend vorbei. „Ich hörte, dass die IS-Terroristen 6000 jesidische Frauen mit ihren Kinder versklavten, als Sexobjekte ihren Kämpfern überließen, und 10.000 Männer, die unserer Religion angehörten, töteten. Plötzlich waren Terror und Tod ge­kommen.“ Der junge Mann floh. Er landete im sicheren Österreich. „In Wien verbrachte ich in einem Heim noch den Jahreswechsel 2014/2015. Dann kam ich Ende Jänner nach Vorarlberg.“

Seine Freundin war schon ein Jahr zuvor aufgrund der unsicherer werdenden Lage nach Deutschland übersiedelt. Viele Jesiden sollten nach dem Beginn der Terrorherrschaft des IS folgen. „Wir Jesiden sind überallhin nach Europa geflüchtet, zumindest jene, die noch konnten. Vielen ging es nicht so gut“, weiß der 26-jährige Arbeiter, der niemals mehr in den
Irak zurück will und seine
Zukunft in Mitteleuropa sieht.

Grausame Bilder

Seine Freundin, die nicht einfach so nach Österreich durfte, hat er mittlerweile geheiratet. Bald kann sie zu ihm nach Bregenz ziehen. Dort hat Havend eine kleine Wohnung bekommen. „Sie wohnt in München. Ich fahre jede zweite Woche zu ihr. Jetzt freue ich mich so, wenn sie endlich bei mir ist.“

Havend ist ein Glückskind in einer für seine jesidischen Glaubensbrüder stockfinsteren Zeit. Nicht nur er hat den IS-Terror überlebt, auch seine nächsten Verwandten. Ihnen allen ging es besser als mehreren seiner früheren Nachbarn in Mossul. „Einige von ihnen leben nicht mehr. Sie konnten den Terroristen nicht entkommen“, sagt Havend traurig.

Der junge Mann wirbt für Unterstützung aller Jesiden durch die zivilisierte Welt. „Unsere Religion ist älter als die christliche und die muslimische. Wir sind völlig normale Menschen, die vor allem an Demokratie und das friedliche Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Religionen glauben. Und jetzt mussten wir vor diesen Terroristen fliehen.“ Auf seinem Handy hat Havend grausame Bilder gespeichert. Eines zeigt eine Gruppe jesidischer Frauen in einem Käfig. Das andere zeigt den Käfig in Flammen. Angezündet von IS-Kämpfern. „So ging es den Frauen, die sich weigerten, als Sexsklavinnen für die Terroristen zur Verfügung zu stehen.“

Viel Solidarität

In Vorarlberg, und speziell bei seinem Arbeitgeber, der Firma Majer Gebäudereinigung in Wolfurt, hat der Kurde jesidischen Glaubens viel Zuneigung und Solidarität erfahren. „Als er seine kleine Wohnung bekam, war dort praktisch nichts drinnen. Mitarbeiter haben mehrere Einrichtungsgegenstände für ihn organisiert“, erzählt Junior-Chef Stefan Majer (32).

Majer ist zufrieden mit Havend. „Er arbeitet brav und macht seine Sache ordentlich“, gibt es Lob für den jungen Kurden, der zwischenzeitlich schon 14 Monate bei der Firma arbeitet, die für ihre humanitäre Haltung bekannt ist und 2016 den KMU-Preis im Bereich Dienstleistung gewann. Eines legt Stefan Majer seinem Mitarbeiter bei aller Zufriedenheit ans Herz: „Er muss besser Deutsch lernen.“

Ich bin zufrieden mit Havend. Er arbeitet sehr ordentlich.

Stefan Majer
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