Kommentar

Jürgen Weiss

Bringt jedem etwas?

Die Post bringe nach ihrer eigenen Werbung jedem etwas. Die Frage ist nur: Wann? Angeblich erreichen 95 Prozent der Briefe, die im Inland versendet werden, am nächsten Arbeitstag ihr Ziel. Gemessen an den in letzter Zeit großflächig aufgetretenen Mängeln besteht in Vorarlberg allerdings eine hohe Wahrscheinlichkeit, zu den restlichen fünf Prozent zu gehören. Das ist kein im heurigen Sommer erstmals aufgetretenes Phänomen. Immer wieder machen sich erboste Kunden in Leserbriefen Luft, und auch ich selbst habe einschlägige Erfahrungen.

 

Im November wurde in meiner Wohngegend fünf Werktage hindurch keinerlei Post zugestellt, dann kam sie mehrere Tage tröpfchenweise, und erst am 29. November langten Tageszeitungen vom 17. November und am 15. November in Vorarlberg aufgegebene Briefe ein. Begründung: krankheitsbedingte Ausfälle und Probleme mit Ersatzpersonal. Nach einer solchen Begründung wundert man sich, wie es den ÖBB gelingt, den Eisenbahnverkehr aufrecht zu erhalten. Schließlich können ja auch Lokführer krank werden. Offenkundig liegt hier bei der Post ein Organisationsmangel vor.

 

Ein zweiter Werbeslogan der Post rät: Wenn es wirklich wichtig ist, dann lieber mit der Post! Bankomatkarten, ÖBB-Vorteilscards und Verkehrsverbund-Jahreskarten wären zwar durchaus wichtig, aber sie sind bei mir letztes Jahr trotzdem nicht angekommen. Der Einnahmen steigernde Ratschlag der Post dazu: eingeschrieben versenden. Nebenbei bemerkt war bei der Vorteilscard festzustellen, dass die Bundesbahn auf Reklamationen wesentlich effizienter reagiert als die Post, die es gerne bei nichtssagenden Höflichkeiten bewenden lässt.

 

Völlig verfehlt wäre es, wegen solcher Missstände an den Postbediensteten Kritik zu üben. Sie haben keinen einfachen, aber mäßig bezahlten Job und sind als Folge von Einsparungen heillos überlastet. Dass die Gewerkschaft auf diese Mängel wie eine tibetanische Gebetsmühle hinweist, geht offenbar ins Leere. Die Post AG gehört zwar mit 53 % nach wie vor letztlich dem Staat, den Rest aber teilen sich zahlreiche private Investoren, die einen Gewinn sehen wollen. Und den bekommen sie auch. 2015 wurden an die Aktionäre immerhin 132 Millionen Euro ausgeschüttet. Natürlich soll die Post als staatlicher Dienstleister für eine wichtige öffentliche Aufgabe keine Verluste machen, und wenn sie gut wirtschaftet, ist das sehr willkommen. Es ist aber wohl nicht richtig, wenn von einem staatlich dominierten Unternehmen Gewinne zu Lasten der Bediensteten und der Qualität der Dienstleistung gemacht werden.

juergen.weiss@vn.at
Jürgen Weiss vertrat das Land als Mitglied des Bundesrates zwanzig Jahre
lang in Wien und gehörte von 1991 bis 1994 der Bundesregierung an.

Die Investoren wollen natürlich einen Gewinn sehen.

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