Kommentar

Wolfgang Burtscher

Narzissten

„Am Ende eines Narzissten steht immer ein Absturz. Dies als Warnung für Herrn Trump.“ Das sagte Psychiater Reinhard Haller vor Kurzem in einem Vortrag der österreichisch-liechtensteinischen Gesellschaft in Bregenz. Nicht erst seit Trump ist Narzissmus „das Schimpfwort der Stunde und gilt als Leitneurose unserer Gesellschaft“ („Der Spiegel“). Aber man braucht nicht nur auf Trump oder Erdogan zu blicken, auch unser Wahlkampf offenbart jede Menge Narzissten. Laut Haller versteht man unter Narzissmus im umgangssprachlichen Gebrauch die Eigenliebe, Überhöhung des Selbstwerts und Ichsucht („Die Narzissmusfalle“, Verlag Ecowin). Er ergänzt durch vier große „E“: Extreme Egozentrik, große Empfindlichkeit, Mangel an Einfühlungsfähigkeit und die Entwertung anderer, für Haller das gefährlichste Element des Narzissmus. Unsere Wahlkämpfer erfüllen meist mehrere dieser Kriterien. Denken Sie nur an die Selbstverliebtheit und Ichsucht eines Peter Pilz, Fotos mit Strache in der Badehose auf Ibiza im Wahlkampf 2013 („Ich habe nichts zu verstecken“), Kern als Pizzabote. Vor allem die Entwertung anderer stand bei der zerbrochenen Koalition an der Tagesordnung. „Unheimlich stark im Austeilen und im Einstecken mimosenhaft“, so benennt Haller die Auswüchse narzisstischer Störungen. Und: „Sie könnten einen anderen Menschen sadistisch niedermachen, aber wenn auf sie selbst nur die leiseste Kritik kommt, oder etwas, was sie als Kritik interpretieren, dann reagieren sie zutiefst gekränkt“: Herr Strache und seine FPÖ haben Haller nicht gelesen, sonst wüssten sie, warum sie vom Umfragenkaiser jetzt an die dritte Stelle abgerutscht sind. Möglicherweise ist der Kurz-Hype auch darauf zurückzuführen, dass dieser sich auf das Niedermachen nicht einlässt. Das lässt er allenfalls die zweite Reihe erledigen, aber auch auf ihn treffen einige der obigen Kriterien zu. Auch Ingrid Griss hat ihren erfolgreichen Präsidentschaftswahlkampf ohne Angriffe auf die Gegner geführt. Aber auch sie ist – siehe ihr Auftritt als Fernsehrichterin – vor Narzissmus nicht gefeit.

Am Ende des Narzissten steht immer ein Absturz. Der kommt am 15. Oktober für viele Wahlkämpfer mit Bestimmtheit. Wenn Kern nicht gewinnt, der mit seinem scharfen Linksruck und einem ungeheuerlichen Slogan („Holt Euch, was Euch zusteht“) in Panik hoch pokert, ist er weg vom Fenster. Wenn Kurz nicht gewinnt, kann er gar nicht so schnell schauen, wie ihn die derzeit entmachteten ÖVP-Bünde wegpusten. Der Tiroler ÖAAB wetzt jetzt schon die Messer, weil seine Kandidaten nicht ganz vorne gereiht sind. Wenn Strache nicht mindestens Zweiter wird, fragt sich seine Partei, ob nicht Norbert Hofer der bessere Mann sei. Wenn Pilz nicht in den Nationalrat kommt, war das das Ende der politischen Karriere.

Haller hat aber auch eine Botschaft an uns Wähler. Er meinte in einem Interview mit dem WDR: „Beunruhigend sind nicht nur die Narzissten an der Macht, sondern noch viel mehr jene, die sie gewählt haben: unsere narzisstisch gewordene Gesellschaft, die dem Duft des Narziss nicht widerstehen kann.“

wolfgang.burtscher@vn.at
Wolfgang Burtscher, Journalist und ehemaliger ORF-Landesdirektor, lebt in Feldkirch.

Unsere Wahlkämpfer erfüllen meist mehrere dieser Kriterien.

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