VN-Interview. Bildungsministerin Sonja Hammerschmid (49), SPÖ

„Wir müssen die Eltern überzeugen“

von Klaus Hämmerle, melanie fetz
Voll Tatendrang und alles andere als amtsmüde: Sonja Hammerschmid würde sehr gerne „in die Gestaltung kommen“. Foto: VN/Hofmeister

Voll Tatendrang und alles andere als amtsmüde: Sonja Hammerschmid würde sehr gerne „in die Gestaltung kommen“. Foto: VN/Hofmeister

Die Bildungsreform ist ein Erfolg. Diesen Glauben lässt sich Ministerin nicht nehmen.

Bregenz. Ihre Arbeit sei noch nicht beendet. Die geschaffenen Gesetze müssten nun gestaltet werden. Und deswegen würde Sonja Hammerschmid gerne Bildungsministerin bleiben.

Wie hoch schätzen Sie die Chancen ein, dass wir Sie auch in einem Jahr noch als Bildungsministerin interviewen dürfen?

Hammerschmid: Ich hoffe doch sehr, dass ich dann noch Ministerin bin. Ich würde sehr gerne weiterarbeiten. Wir haben in den letzten Monaten doch sehr viel auf den Weg gebracht und zahlreiche Gesetze verabschiedet. Das Gestalten, das darauf aufbaut, würde jetzt erst so richtig anfangen. Und da gibt es noch viele Themen, die mich faszinieren würden.

Wie zufrieden sind sie, wenn Sie an die letzten Monate – Stichwort Bildungsreform – denken?

Hammerschmid: Es war eine harte und sehr intensive Zeit, sehr anstrengend. Wir haben mit der Bildungsreform etwas zuwege gebracht, das sich meiner Meinung nach durchaus sehen lassen kann. Es ist etwas, das die Schule neu aufstellt und neue Möglichkeiten für innovatives Unterrichten schafft. Ich bin jetzt 14 Monate Ministerin und kann auf einige Errungenschaften zurückblicken. Dazu zählen auch andere Dinge, wie etwa die Digitalisierungsoffensive oder das Reagieren auf Schultests wie PISA und die Bildungsstandards, aber auch Initiativen im Bereich Berufsausbildung. Gerade die Digitalisierung spielt ja auch bei der angestrebten Schulautonomie eine große Rolle.

Viele meinen: Der Durchbruch fehlt. Beispiel Modellregion. Da braucht es für eine Systemumstellung auch die Zustimmung der AHS-Eltern, die ihren Schultyp selber abschaffen müssten.

Hammerschmid: Wenn man derart grundlegende Änderungen in Angriff nimmt, dann muss man überzeugen. Nehmen wir die Modellregion her: Da müssen wir die Mehrheit der Eltern, auch an den Gymnasien, überzeugen. Nur dann wird diese Umstellung auch von einer breiten Basis getragen. Daran müssen wir arbeiten. Es müssen pädagogische Konzepte erarbeitet werden, die besser sind als die jetzigen und die auf breite Zustimmung treffen. Es muss gelingen, ein zeitgemäßes Angebot zu entwickeln, das die Eckpunkte einer modernen Pädagogik beinhaltet: interdisziplinäres Lernen, jahrgangsübergreifende Modelle, individuelle Förderung mit Lehrern als Begleiter – all das, was eine moderne Pädagogik ausmacht. Da sind auch die Pädagogischen Hochschulen gefordert, entsprechende Konzepte zu erarbeiten.

Was im Zuge der Bildungsreformverhandlungen verwundert hat: Warum hat sich die SPÖ zusammen mit den Grünen nicht vehementer für eines ihrer ureigensten Bildungsziele, nämlich die gemeinsame Schule in einer Modellregion, eingesetzt?

Hammerschmid: Wenn das nach außen hin den Anschein hatte, dann kann ich Ihnen sagen: Es war nicht so. Wir mussten im Zuge mehrerer Gespräche bald erkennen, dass wir mit diesem Vorstoß bei unserem Koalitionspartner nicht durchkommen würden. Mir war das bereits im Februar klar. Wir haben dann eine Arbeitsgruppe gegründet, die sich mit dem Thema gemeinsame Schule beschäftigt hat. Aber die Zeit bis zum Beschluss der Bildungsreform wurde dann wegen der vorgezogenen Neuwahlen sehr knapp. Mit der Finalisierung ist es sich nicht mehr ausgegangen. Jetzt haben wir, was wir haben. Und das ist gut. Ich bin im Rahmen der Möglichkeiten nicht unzufrieden.

Hat es einen Wortbruch der ÖVP bei den Bildungsreformverhandlungen gegeben? Der Grüne Harald Walser behauptet das.

Hammerschmid: Durch den Obmannwechsel bei der ÖVP ist eine schwierige Situation entstanden. Das blieb natürlich nicht ohne Konsequenzen für den Fortgang der Verhandlungen. Andererseits: Wir haben etwas Gutes zusammengebracht. Meine gute Gesprächsbasis zu Harald Mahrer hat nicht darunter gelitten.

Wichtige Gesetze brauchen im Bildungsbereich eine Zweidrittelmehrheit im Nationalrat. Ist das nicht ein Bremsklotz für eine gediegene Bildungs- und Schulentwicklung?

Hammerschmid: Na ja. Es ist natürlich oft mühsam, etwas im Bildungsbereich weiterzubringen, und es ist, das ist offensichtlich, nicht leicht, solche Mehrheiten zu bekommen. Andererseits: Man tut sich in der Umsetzung leichter, wenn man sich auf eine breite Basis stützen kann.

Vor lauter Bildungsreform war es um die Zentralmatura sehr still geworden. Ein gutes Zeichen, weil dort alles gepasst hat?

Hammerschmid: Sie sagen es. Und sehen Sie: Es ist auch deswegen sehr still gewesen um die Zentralmatura, weil wenig darüber berichtet wurde. Das ist schade. Ich hätte es gerne gesehen, wenn man mehr und Gutes darüber berichtet hätte. Wir können in der Tat sehr zufrieden sein. Die Ergebnisse haben gepasst, das ganze System scheint sich einzuspielen. Das ist sehr erfreulich.

Der von den Grünen zur Liste Kurz gewechselte Efgani Dönmez fordert die Abschaffung des Religionsunterrichts zugunsten von Ethik-Stunden. Gefällt Ihnen das?

Hammerschmid: Tatsache ist, dass wir ein Konkordat haben. Ich befürworte einen interkonfessionellen Unterricht. Etwas, das auch Kardinal Schönborn gefällt.

Die Grünen forderten eine Sprach-Quote in Kindergärten, damit Kinder mit Deutschdefiziten nicht zusammengefasst werden. Was halten Sie davon?

Hammerschmid: Die Idee, eine Drittel-Lösung anzustreben, geht sich rechnerisch schon nicht aus. In Wien haben wir 50 Prozent Kinder mit nichtdeutscher Muttersprache. Und wenn man nicht will, dass die Kinder massiv pendeln müssen, ist dies nicht umsetzbar. Wichtig ist, dass im Kindergarten ein Qualitätsrahmen geschaffen wird – dass die nötigen Sprachkompetenzen vermittelt werden und dass dies auch kontrolliert wird.

Was wären Ihre Schwerpunkte im kommenden Jahr, falls Sie Bildungsministerin bleiben?

Hammerschmid: Das, was wir jetzt gesetzlich implementiert haben, zu entwickeln. Wir müssen jetzt ins Tun und ins Umsetzen kommen. Diesen Prozess müssen wir begleiten. Ich möchte sehen, wie sich die Schulautonomie entwickelt, wie die Behörden, neu aufgegleist, das System effektiv unterstützen und alle Institutionen unter einen großen Bildungshut bringen. Wir müssen uns mehr dem Kindergarten zuwenden, um dafür zu sorgen, dass Kinder mit einem einheitlich schulreifen Niveau in die Schule kommen. Dazu würden wir auch 5000 Pädagogen exakt für diese Schnittstelle brauchen, um einen qualitativ guten Übergang zu gewährleisten.

Haben Sie für sich persönlich auch einen Plan B, falls Sie nicht Bildungsministerin bleiben sollten?

Hammerschmid: Nein, hab’ ich nicht. Ich bin voll fokussiert auf meine Aufgabe und bald voll im anstehenden Wahlkampf.

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