Kommentar

Reinhard Haller

Persönlichkeiten, nicht Parteien

Werden die Wahlentscheidungen der letzten Jahre analysiert, fällt ein klarer Trend auf. Gewählt werden nicht mehr Parteien, Programme oder Ideologien, sondern Personen. Was schon bei der Wahl des österreichischen Bundespräsidenten alle überrascht und sich bei den Entscheidungen in den USA, der Türkei und zuletzt in Frankreich fortgesetzt hat, macht nun sogar vor den erstarrten Parteistrukturen unseres Landes nicht halt. Mit der Wahl einer viele Menschen begeisternden Person, Typ Jung-Siegfried, hat die als nicht reformierbar geltende und dem Untergang geweihte „alte Tante ÖVP“ den Turnaround geschafft. Schon zuvor haben die Sozialdemokraten eine so gar nicht den Stallgeruch ihrer Partei verbreitende Persönlichkeit zum Obmann bestimmt.

Psychologisch sind hinter dieser weltweiten Entwicklung wohl zwei grundsätzliche Ursachen zu sehen. Einerseits werden die Wähler von den traditionellen Parteien weggetrieben. Sie fühlen sich von Programmen, Grundsätzen und Disziplin nicht mehr angesprochen, misstrauen den Machtstrukturen und lassen sich nichts mehr vorschreiben. Der selbstbewusste moderne Mensch lässt sich das eigenständige Denken von niemandem abnehmen. Er will autonom entscheiden, was ja der eigentliche Sinn einer demokratischen Wahl wäre. Andererseits fühlt er sich von besonderen Personen – dies ist wertneutral gemeint – viel mehr angezogen als von soldatenhaft aufgestellten Gruppierungen. Persönlichkeiten können Menschen begeistern, sowohl in positiver als auch negativer Hinsicht. Sie sprechen unsere Emotionen an und lassen Gefühlsübertragungen zu. Man kann mit ihnen mitleiden und sich mit ihnen identifizieren. Und man traut ihnen viel eher zu, die wahren Probleme der Menschen zu kennen und Lösungen durchzusetzen. Parteien werden hingegen als unpersönlich, kaum durchschaubar, unendlich schwerfällig und letztlich als wenig menschlich erlebt.

Die Gefahr eines auf Persönlichkeiten zentrierten Wahlkampfs liegt darin, dass dieser im wahrsten Sinn des Wortes sehr persönlich wird und das Sachliche auf der Strecke bleibt, dass Wadelbeißerei an die Stelle des fairen Wettkampfs der besten Köpfe tritt. Persönliche Untergriffe und Diffamierungen zeichnen sich ja bereits ab. Die Wahlkampfmanager sollten aber bedenken, dass sich in der gesellschaftlichen Entwicklung nach Jahrzehnten der Parteidisziplin und Blockade wohl das Wort von Oscar Wilde erfüllen wird: „Persönlichkeiten, nicht (Partei-)Prinzipien, bringen die Zeit in Bewegung.“

reinhard.haller@vn.at
Univ.-Prof. Prim. Dr. Reinhard Haller ist Psychiater, Psychotherapeut
und Chefarzt des Krankenhauses Maria Ebene.

Psychologisch sind hinter dieser weltweiten Entwicklung wohl zwei grundsätzliche Ursachen zu sehen.

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