Vorarlberger, über die man spricht. Flavian Haller (95)

Ein Leben voller Glück

Stolz hält Flavian Haller seine Memoiren, die von seiner Schwiegertochter verfasst wurden, in den Händen. Foto: VN/Paulitsch

Stolz hält Flavian Haller seine Memoiren, die von seiner Schwiegertochter verfasst wurden, in den Händen. Foto: VN/Paulitsch

Flavian Haller blickt auf 95 Jahre Lebenserfahrung zurück und sieht: Glück.

langen. (VN-jen) Es ist der 3. Oktober 1941. Der 19-jährige Flavian Haller aus Sulzberg wird nach Landeck gebracht, um an die Front nach Russland zu gehen und für Nazideutschland zu kämpfen. Er liegt in einer Baracke, eine Propagandarede dröhnt stundenlang aus einem Radio. Ein Satz Hitlers brannte sich Haller ins Gedächtnis ein: „Dem deutschen Volk muss nicht bange sein, ich trage die ganze Verantwortung.“ Gestern wurde Haller 95 Jahre alt, diese Aussage aber hat ihn sein ganzes Leben lang nicht losgelassen. „Seit diesem Tag hat das Wort Verantwortung keine Bedeutung mehr für mich“, erzählt er. „Vielmehr ist es ein rotes Tuch für mich geworden.“

Wenn Flavian Haller Geschichten aus seinem Leben erzählt, fühlen sich Zuhörer an Ort und Zeit des Geschehens zurückversetzt. Bis heute kann er detailgetreu erzählen, was an bestimmten Tagen vor mehreren Jahrzehnten passiert ist. „Bekannte rieten mir, ich solle doch meine Lebensgeschichte aufschreiben“, erzählt er. Im März vergangenen Jahres bat er schließlich seine Schwiegertochter Reingard, ihm beim Verfassen seiner Memoiren zu helfen. Ursprünglich wollte Haller sein Leben für seine Enkel auf ein paar Zetteln zusammenfassen, doch nach kurzer Zeit wurde Reingard klar: „Das muss ein Buch werden.“ So entstanden im Laufe des letzten Jahres seine Memoiren mit dem Titel „Ich hatte Glück“.

In seinem Leben durfte Flavian Haller mehr Glück als Leid erfahren, das betont er immer wieder. Er wurde 1922 in Sulzberg geboren, wo sein Vater eine Tischlerei betrieb. Das Handwerk des Vaters zu erlernen, wäre logisch gewesen. Haller hatte aber etwas anderes im Sinn: Er wollte mit Leib und Seele Bauer werden. „Ich interessierte mich mehr für Kühe als für die Werkbänke in der Tischlerei“, erinnert er sich.

Trotzdem arbeitete er im heimischen Betrieb mit, bis er mit 19 vom Hitlerregime eingezogen wurde, um als Artillerist in Russland zu kämpfen. Im Gefecht mit der gegnerischen Seite kam er immer unverletzt davon, manchmal sogar als Einziger. „Noch heute ist es mir unbegreiflich, wie ich unversehrt aus dem Krieg heimkehren konnte“, erzählt Haller.

Krankheit war Rettung

Im Februar 1943 bekam er eine Nierenentzündung, die ihm, wie er heute sagt, das Leben gerettet hat. „In Russland herrschte Tauwetter. Das Wasser stand in den Gräben und ich mit meinen Schuhen darin. Ich wurde krank und kam nach Hause“, erzählt der 95-Jährige. In seinen blauen Augen sieht man: Er erinnert sich an diese Erlebnisse, als ob sie gestern gewesen wären.

Da die Nierenentzündung äußerst hartnäckig war, wurde er erst 1944 wieder für kriegsfähig erklärt und im Frühjahr 1945 ins Aostatal nach Italien gebracht. Am 2. Mai 1945, an seinem 23. Geburtstag, wurde er in Gefangenschaft genommen und in ein Lager gebracht. Am 28. Juli 1945 kehrte er schließlich unversehrt nach Hause zurück.

Nach Kriegsende arbeitete Flavian Haller zwar wieder als Hilfsarbeiter in der elterlichen Tischlerei, der Wunsch, Bauer zu werden, wurde jedoch immer größer. 1954 heiratete er seine Frau Anni und richtete sich häuslich auf einem Bauernhof in Langen ein. Weil dieser Hof auf lange Sicht nicht lebensfähig war, entschied sich Familie Haller 1963, ein Haus nahe der Langener Rotach zu erbauen. Nun hatte sich sein sehnlichster Wunsch erfüllt: Er hatte es geschafft, eine lebensfähige Landwirtschaft aufzubauen, ohne Grund von den Eltern geerbt zu haben.

Bis zu seiner Pension bewirtschaftete er den Hof, 1986 übernahm ihn sein Sohn Josef. Insgesamt zogen die Eheleute Haller sieben Kinder groß. 2012 starb seine Frau Anni. „Unsere 58 gemeinsamen Ehejahre waren mein allergrößtes Glück“, sagt Haller. Noch heute lebt er auf seinem Bauernhof und wird liebevoll von seiner Schwiegertochter Rosmarie betreut. Mittlerweile hat der Pensionist 20 Enkel und sieben Urenkelkinder. Ihnen widmet er auch sein Buch. „Meine Nachkommen sollen wissen, wie mein Leben war – und wie viel Glück ich hatte.“

Das Buch „Ich hatte Glück“ kann bei Reingard Haller unter reingard.haller@aon.at erstanden werden.

Meine Nachkommen sollen wissen, wie mein Leben war.

Flavian Haller

Zur Person

Flavian Haller

wurde gestern 95 Jahre alt.

Geboren: 2. Mai 1922 in Sulzberg

Wohnort: Langen b. Bregenz

Beruf: Bauer

Familie: sieben Kinder, 20 Enkel, sieben Urenkel

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