Kommentar

Monika Helfer

Wir sind alle viele

„Man ist eben viele“, sagte der Mann zu seiner Frau, es sollte klingen wie eine Entschuldigung. Seine Frau aber konnte diese nicht mehr annehmen, zu viel war geschehen. Sie hatte das Bild von zwei verkeilten Hunden vor sich, sie hatten sich festgebissen, ein Wasserstrahl brachte sie nicht auseinander, der Tierarzt musste gerufen werden. Er gab den Tieren eine Spritze, und so ließen sie voneinander. Der Hund aber hatte solche Sehnsucht nach der Hündin, dass er mitten in der Nacht durch eine für ihn fremde Stadt irrte und nach zwei Stunden bei seiner Liebsten ankam.

Genauso sah die Frau ihren Mann, mitten in der Nacht schlich er aus dem Haus und traf sich mit seiner Liebsten. Er versicherte ihr, seiner Ehefrau, dass er eben viele sei. Einer in ihm sei ihr treu und liebe sie über alles, den Anderen allerdings treibe es aus dem eigenen Bett in ein fremdes.

Und sie, die Frau, hätte gerne alles richtig gemacht. So wie ich, die ich schreibe und ein ganz genaues Wort neben ein anderes genaues Wort setzen will.

Die Frau könnte sich arrangieren, könnte sich denken, ich bleibe bei ihm, obwohl er mich betrügt. Ich bin wirtschaftlich abhängig. Ich selber bin und habe nichts. Sie könnte ihre Augen zudrücken und zu ihrem Mann, wenn er einmal neben ihr läge, zärtlich sein. Sie könnte viele sein, wenn sie es nur wollte.

Aber sie kann es nicht. Es bohrt in ihr, wie eine Kettensäge fährt es durch ihren Körper. Sie kann nicht stillhalten.

„Führe dein eigenes Leben“, sagt ihr eine Freundin. Wie denn ein eigenes Leben führen mit dem Kopf voller Verzweiflung? Sollte sie sich in die Arme eines Fremden werfen und so tun, als wäre sie Eine aus ihren Vielen?

Was bin ich doch einfältig, sagte die Frau in ihr Spiegelbild hinein und grimassierte. Man sagte ihr, sie sehe gut aus. Sie fand sich so schrecklich und konnte sich gar nicht vorstellen, dass sie einmal eine hübsche Frau gewesen war.

Was tat sie? Sie zog ihren besten Mantel an, stülpte einen Hut über die zerzausten Haare und kaufte in der Gärtnerei eine exotische Pflanze.

„Ich muss Sie warnen“, sagte der Verkäufer, „sie ist unglaublich empfindlich, und die kleinste Temperaturveränderung kann sie killen.“

Die Frau stellte die Pflanze in die Kälte, um sie abzuhärten, sie nahm sich vor, raue Kleider zu tragen, die haarige Seite nach innen, barfuß im Schnee den Müll zu entsorgen, und zu fasten, auf dass sie unangreifbar würde.

monika.helfer@vorarlbergernachrichten.at
Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.

Was bin ich doch einfältig, sagte die Frau in ihr Spiegelbild hinein und grimassierte.

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