Kommentar

Monika Helfer

Vergeblichkeit

Was nützt es dem armen Mann, wenn er das Beste will, an der Realität aber Schaden leidet?

Der Volksschullehrer steht vor seiner Klasse und will alles versuchen, was er sich vorgenommen hat. Ein Drittel der Kinder sind fremde Kinder. Lange hat sich der Lehrer überlegt, wie er einen Unterricht gestalten könnte, einen Unterricht, der überbrückt. Was heißt das? Der die Einheimischen denken lässt, die Fremden sind ja doch wie wir.

Er steht vor der Klasse und zittert vor Aufregung. Ein Experiment. Mit keinem hat er darüber gesprochen.

Die Schüler sitzen zu zweit an einem Tisch, die Fremden sind unter die Einheimischen gemischt.

„Jeder von euch“, beginnt der Lehrer, „soll aufstehen und seinem Nachbarn die Hand reichen. Er soll ein Kompliment sagen. Wisst ihr was ein Kompliment ist?“

Ein Schüler ruft: „Einschleimen, sich bei jemand einschleimen.“

„Wie falsch das ist!“, ruft der Lehrer in die kalte Klasse, vor dem Fenster Bäume wie Blumensträuße – es ist Frühling.

„Wie falsch das ist!“, wiederholt der junge Lehrer. „Ihr sagt etwas Freundliches, etwas, was ihr fühlt.“

Er hört aufmerksam zu.

Einheimisches Mädchen sagt: „Du hast so schöne Haare? Musst sie nicht extra eindrehen, was?“

Ein Anderer sagt: „Du siehst einfach Scheiße aus.“

Der Lehrer fragt: „Höre ich richtig? Wiederhole, was du gesagt hast.“

„Ich sagte“, sagt der Schüler, „du siehst schön aus.“

Das Mädchen an seiner Seite kommt aus Afghanistan und ist sehr schüchtern. Sie wagt es nicht, ihren Blick zu heben.

„Gebt euch die Hand“, sagt der Lehrer.

Sie berühren sich halbherzig an den Fingerspitzen.

„Ich sagte: Gebt euch die Hand!“

Der Lehrer will die fremden Kinder auffordern, von ihrer Heimat zu erzählen, weiß, dass sie das nicht können, weil ihnen die richtige Sprache dazu fehlt.

Um ihretwillen erzählt er von ihren Herkunftsländern, hofft darauf, Interesse zu wecken. Was können die, was wir nicht können? Was können die nicht, das wir ihnen zeigen wollen?

Der Lehrer schaut verzagt auf seinen Zettel: Singen. Körperliche Ertüchtigung.

Er bittet das einheimische Mädchen, von dem er weiß, das es gut singen kann, um ein Lied.

„Ein Lied, das alle verstehen, kann ich nicht.“

„Sing ohne Text!“, sagt der Lehrer.

Das Mädchen will nicht.

Die Schüler ziehen ihre Turnsachen an und rennen Kreise im Schulhof. Der Lehrer hofft darauf, dass sich von selber etwas ergibt, dass einer den anderen bewundert, ganz gleich, welcher Herkunft er ist. Ein fremdes Mädchen will ihr Kopftuch nicht abnehmen. Sieht komisch aus, Kopftuch und kurze Turnhose.

„Ich darf das nicht“, sagt sie, wohl wissend, dass sie ausgelacht werden wird. Der Lehrer versucht eine Erklärung.

Vergeblich. Alle warten nur auf die Pause.

monika.helfer@vorarlbergernachrichten.at
Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.

Was können die, was wir nicht können? Was können die nicht, das wir ihnen zeigen wollen?

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