Streiflicht

Thomas Matt

Zug fahren bildet

Nicht immer kommt der Railjet zum Zug. Mitunter rollen statt seiner noch die alten Waggons gen Osten, mit ihren Sechserabteilen. Dann fährt in jedem eine Parabel auf die aktuelle gesellschaftliche Lage durchs Land. Schon mal erlebt?

Die beiden ersten Passagiere kamen früh. Sie haben sich häuslich eingerichtet. Auf den freien Sitzen liegen Zeitungen, Jacken und Taschen herum. Da öffnet sich die Tür, und zwei weitere Reisende treten ein.

Ihnen schlägt Widerwille entgegen. Betont langsam werden die freien Plätze geräumt und Gegenstände im Stauraum über den Sitzen verteilt. Dass sich die beiden ersten Passagiere gar nicht kannten, ändert nichts da­ran, dass sie jetzt solidarisch sind. Sie waren zuerst da. Sie hatten das ganze Abteil für sich. Zu blöd, hatten nur vergessen, die Vorhänge zuzuziehen! Jetzt treten sie wie Eingeborene auf, die ihren Lebensraum bedroht sehen.

Aber es geht gut aus. Jeder bleibt höflich. Man ist ja zivilisiert. Die Neuen werden geduldet. Doch fremd bleiben sie. Das ändert sich erst, als sich die Abteiltür noch einmal aufschiebt und zwei weitere Fahrgäste Plätze suchen. Jetzt gehören die zuletzt Eingetretenen mit einem Mal zum Club der Sesshaften. Abteilbesitzer auch sie, haben sie völlig vergessen, dass sie vor Kurzem selbst in derselben misslichen Lage waren …

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