VN-Interview. Ulrich Ladurner (53), langjähriger Korrespondent im Nahen Osten und in Afrika des Magazins „Die Zeit“

Der Islam und die Sinnlichkeit

Ulrich Ladurner war vor Kurzem in Bregenz zu Gast. Die VN trafen ihn zum Interview.
Ulrich Ladurner war vor Kurzem in Bregenz zu Gast. Die VN trafen ihn zum Interview.

Experte spricht im VN-Interview über das Verhältnis des Islam zur Gewalt.

Bregenz. (VN-mip) Ulrich Ladurner hat schon viel erlebt: Er war als Journalist in Afghanistan, Libyen, Irak, Iran, Saudi-Arabien, Syrien und zuletzt in vielen Ländern Afrikas. Kürzlich besuchte er Bregenz im Rahmen des Kinder- und Jugendsymposiums. Mit den VN sprach er über kulturelle und religiöse Konflikte und erläutert, welche Debatten wir zukünftig führen müssen.

Wie geht es einem Südtiroler, wenn an der Brennergrenze ein Zaun errichtet wird?

Ladurner: Seit 70 Jahren wird daran gearbeitet, dem Vaterland näherzukommen. Und plötzlich sagt ausgerechnet das Vaterland: Wir ziehen eine Grenze, es tut uns leid. Ich bin nicht grundsätzlich gegen Zäune. Aber es ist ein hochriskantes Spiel. Man weiß nicht, welche Dynamik man damit in Gang setzt.

Inwiefern ist das riskant?

Ladurner: Einerseits stellt sich die Frage, wie andere Länder wie Italien darauf reagieren. Andererseits muss man sich fragen, was mit den Menschen hinter dem Zaun passiert. Das wird ein wenig übersehen.

Was passiert mit ihnen?

Ladurner: Autoritäre Strukturen werden gestärkt. Das sieht man in Ungarn. Wenn du eine Festung baust, kannst du nicht glauben, dass es im Inneren nichts verändert. Wir können nicht einen Zaun bauen und gleichzeitig eine offene Demokratie bleiben. Aber natürlich wird Österreich nicht so wie Ungarn. Österreich hat vergangenes Jahr sehr viel geleistet.

Muss sich Europa auf Konflikte gefasst machen?

Ladurner: Migration hat immer Konflikte verursacht, das zeigen die USA. Ein Beispiel: Ich bin elf Jahre lang zwischen Islamabad und Tripolis umhergereist. Ich habe noch niemanden getroffen, der mir überzeugend gesagt hat: Ja, die Attentate vom 11. September sind von Al Kaida begangen worden. Entweder wurde es kleingeredet oder es war eine Verschwörung oder es waren die Juden. Der 11. September ist von großer Bedeutung, dieses Ereignis definiert unsere Gegenwart. Jetzt kommen viele Flüchtlinge aus diesen Ländern, und ich möchte einfach wissen, wie sie darüber denken.

Sprechen Sie von kulturellen oder religiösen Unterschieden?

Ladurner: Kultur und Religion kann man nicht trennen. Die Attentate in Europa wurden von Muslimen begangen. Ich sage nicht, dass es eine gewalttätige Religion ist, auf keinen Fall. Aber es gibt offenbar Radikalisierungen in dieser Religion.

Nicht jeder Muslim wird radikal.

Ladurner: Natürlich nicht. Die Opfer der radikalen Islamisten sind vor allem gemäßigtere Muslime. Man muss nur die Debatte führen, ob alle, die gekommen sind, zu den gemäßigten Muslimen gehören. In Deutschland macht sich das die AFD zunutze. Sie sagt, der Islam sei nicht vereinbar mit der Verfassung. Das ist Blödsinn, es herrscht Religionsfreiheit.

Hängt die Radikalisierung der Menschen nicht auch mit jahrelanger Unterdrückung durch den Westen zusammen?

Ladurner: Der Kongo ist ein Land, dem in der Kolonialzeit übel mitgespielt wurde. Gibt es den kongolesischen Attentäter in Brüssel? Ich habe ihn nie gesehen. Warum? Ich stelle nur die Frage. Unterdrückung erklärt Gewalt noch nicht.

Müssen Frauen in Österreich Angst haben, dass sie bald unterdrückt werden?

Ladurner: Bei uns gibt es noch keine Gleichberechtigung der Geschlechter. Aber wir sind schon viel weiter. Ich habe mit Muslimen gesprochen, die meinen, es sei Privatsache, was zu Hause passiert. Die CDU hat sich bis in die 90er-Jahre gewehrt, Vergewaltigung in der Ehe als Delikt anzuerkennen, weil es Privatsphäre sei. Heute würde das keiner mehr behaupten. Dieses Verständnis fehlt manchen. Kein Tribalismus, keinen Rückschritt in der Gleichberechtigung, keinen Rückschritt bei der Trennung von Staat und Religion. Das sind die Grundpfeiler.

In Vorarlberg wird über einen Islamlehrer diskutiert, der Frauen nicht die Hand gibt.

Ladurner: Du kannst ihn nicht zwingen, dir die Hand zu geben. Aber es ist eine politische Botschaft: Er will nicht Teil dieser Gesellschaft sein. Das finde ich problematisch. Man könnte ihn fragen, warum er das nicht macht: Ist die Frau unrein? Wird sie dich verführen? Und da kommen wir zum Kern der Debatte.

Das Verhältnis zum weiblichen Körper?

Ladurner: Das Verhältnis zu Körper und Sinnlichkeit. In Deutschland beschäftigt sich Ahmad Mansour mit der Radikalisierung Jugendlicher. Zu ihm kamen junge Muslime, die ihn fragten, ob es erlaubt sei, in der Öffentlichkeit ein Eis am Stil zu essen. Es könnte ja ein sexuelles Symbol sein. Das ist doch spießig. Wir müssen offen bleiben, das ist keine Frage. Aber wir sollten über alles reden.

Zur Person

Ulrich Ladurner,

studierte Politikwissenschaft und Geschichte in Innsbruck. Seit 1999 berichtet er als Auslandsredakteur der Wochenzeitung "Die Zeit" aus Irak und Iran, Afghanistan und Pakistan. Anschließend aus Afrika. Im Herbst wird er Korrespondent in Brüssel.

Artikel 1 von 1
Bitte melden Sie sich an, um den Artikel in voller Länge zu drucken.

Bitte geben Sie Ihren
Gutscheincode ein.

Der eingegebene Gutscheincode
ist nicht gültig.
Bitte versuchen Sie es erneut.
Per E-Mail teilen
Entdecken Sie die VN in Top Qualität und
testen Sie jetzt 30 Tage kostenlos.