VN-Interview. Stefan Bachmann (53), Bürgermeister von Blons

„Sind längst eine Abgangsgemeinde“

von Tony Walser, Verena Daum-Kuzmanovic
„Es wird immer Situationen geben, in denen man sich fragt, warum habe ich mir den Job angetan.“ Bürgermeister Bachmann im VN-Gespräch.
„Es wird immer Situationen geben, in denen man sich fragt, warum habe ich mir den Job angetan.“ Bürgermeister Bachmann im VN-Gespräch.

Wohnbau und finanzielle Engpässe: Bürgermeister Stefan Bachmann im VN-Gespräch.

Blons. (VN) Ein intaktes Dorfleben und Natur pur. Diese Eigenschaften werden in Blons im Großen Walsertal großgeschrieben und auch gepflegt. Traurige Berühmtheit erlangte das Bergdorf am 11. Jänner 1954. Damals verschüttete eine Lawine 96 Bewohner, 57 Menschen konnten nur mehr tot aus den Schneemassen geborgen werden. Diese verheerende Naturkatastrophe hat das Leben in der Gemeinde nachhaltig beeinflusst.

Gemeindechef im Nebenerwerb

Im Rathaus herrscht das Mehrheitswahlrecht. Das bedeutet, dass in Blons ein Wahlverfahren ohne Parteilisten durchgeführt wird. Neun Gemeindevertreter wählen in der Folge den Bürgermeister. Seit 13. September 2004 fungiert Stefan Bachmann als „Nebenerwerbs-Bürgermeister“. In seinem Hauptberuf ist Bachmann als Sekretär bei der Gewerkschaft Pro-Ge tätig und sitzt darüber hinaus für den ÖAAB als Kammerrat in der Vollversammlung der Feldkircher Arbeiterkammer.

Zunächst Persönliches: Wären Sie einen Tag lang Bundeskanzler, was würden Sie als Erstes in Angriff nehmen?

Bachmann: Ich würde so schnell wie möglich den Druck in Sachen Steuerreform kräftig erhöhen. Die Bürger leiden unter dem derzeit nicht mehr stimmenden Gefüge. Das stellt für mich auch den Hauptgrund für den großen Frust über die Bundespolitik dar.

Gab es Momente, in denen Sie es bereut haben, das Amt des Bürgermeisters übernommen zu haben?

Bachmann: In einer solchen Funktion wird es zwar immer Situationen geben, in denen man sich fragt, warum man sich das Ganze angetan hat. Im Großen und Ganzen handelte es sich in den letzten zehn Jahren jedoch glücklicherweise um Einzelfälle. Ich habe die Amtsübernahme nicht bereut.

Mit welchen besonderen Herausforderungen sieht man sich in einer Kleingemeinde wie Blons konfrontiert?

Bachmann: Da steht für mich vor allem die Frage, wie wir als Kleinkommune finanziell über die Runde kommen können, im Mittelpunkt. Darüber hinaus sind wir Standortgemeinde der Mittelschule, und ich bin als Obmann dieser Schule tätig. Jetzt steht übrigens eine zweite Sanierung des Schulgebäudes an, und mir bleibt die ehrenamtliche Aufgabe, das Ganze organisatorisch abzuwickeln. Auch im Bereich der Wasser- und Kanalversorgung gibt es in Blons noch weiße Flecken, die angeschlossen werden müssen.

Haben Sie in der Rathauskasse überhaupt noch frei verfügbare Finanzmittel?

Bachmann: Wir haben schon lange keine frei verfügbaren Finanzmittel mehr und gelten seit dem Vorjahr als sogenannte Abgangsgemeinde. Geld ausgeben können wir nur mehr für laufend anfallende Kosten, also für jene Dinge, die für die Aufrechterhaltung der Infrastruktur notwendig sind. Schlussendlich kostet uns auch die Mitfinanzierung des Öffentlichen Verkehrs Geld. Ohne Förderungen und Geld vom Land hätten wir als Streusiedlung finanziell wohl schon länger keine Chance mehr.

Ist der soziale Wohnbau in Ihrer Gemeinde ein Thema und gibt es bereits laufende Projekte?

BaChmann: Das ist grundsätzlich ein Thema in Blons, und wir haben Bedarf für leistbare Wohnungen. Derzeit steht der einstige Gasthof Adler leer. Gehen die Pläne klar, so wird ein privater Betreiber dort eine Anlage mit acht bis zehn Wohneinheiten errichten. Es gibt auch Überlegungen, den Bereich Betreutes Wohnen dort unterbringen zu können. Apropos Bauen und Wohnen: Im Zentrum unserer Gemeinde gibt es so gut wie keine verfügbaren Bauplätze.

Sieht sich die Gemeinde mit Abwanderungstendenzen konfrontiert?

Bachmann: Wir sind eine relativ junge Gemeinde und derzeit nicht von Abwanderung betroffen. Grundsätzlich gilt: Ist eine Bautätigkeit möglich, so sinkt die Gefahr, dass junge Menschen und Familien abwandern wollen. Viele Grundflächen, die bebaut werden könnten, sind im Privatbesitz. Wir können nur einen Appell an die Grundbesitzer richten, dass diese ihre Grundstücke zu verkaufen bereit sind.

Sind Sie mit Ihrem Einkommen als Bürgermeister zufrieden und wie viel bleibt Ihnen monatlich netto?

Bachmann: Ich bin damit zufrieden. Mir bleiben nach Abzug aller Steuern 1399 Euro als monatliche Entschädigung.

Werden Sie bei den Gemeindewahlen 2015 wiederum für das Amt des Bürgermeisters kandidieren?

Bachmann: Ja, ich habe vor, mich abermals der Wahl zu stellen.

Bürgermeister Stefan Bachmann
Bürgermeister Stefan Bachmann
Bürgermeister Stefan Bachmann
Bürgermeister Stefan Bachmann
Bürgermeister Stefan Bachmann
Bürgermeister Stefan Bachmann
„Es wird immer Situationen geben, in denen man sich fragt, warum habe ich mir den Job angetan.“ Bürgermeister Bachmann im VN-Gespräch.
„Es wird immer Situationen geben, in denen man sich fragt, warum habe ich mir den Job angetan.“ Bürgermeister Bachmann im VN-Gespräch.
Bürgermeister Stefan Bachmann
Bürgermeister Stefan Bachmann
Bürgermeister Stefan Bachmann
Bürgermeister Stefan Bachmann
Bürgermeister Stefan Bachmann
Bürgermeister Stefan Bachmann
Bürgermeister Stefan Bachmann
Bürgermeister Stefan Bachmann
Bürgermeister Stefan Bachmann
Bürgermeister Stefan Bachmann

Ich bin mit 1399 Euro netto im Monat zufrieden.

Kurz gesagt . . .

Absolute Mehrheit: kein Thema, bei Mehrheitswahl ist Sachpolitik gefragt

Freunderlwirtschaft: darf es nicht geben

Lebensglück: Familie, Gesundheit, Zufriedenheit

Politikverdrossenheit: für mich leider verständlich

Parteifreund: Freundschaft ist nicht von der Partei abhängig

Freizeit: leider zu wenig, Bewegung in der Natur

Erstwähler: sehr wichtige Gruppe, Demokratieverständnis sollte geweckt werden

Lebensqualität: gute Dorfgemeinschaft und enkeltaugliche Zukunft

Netzwerke: wichtig für gute Gemeindepolitik

Lebensabend: in der Familie den Biosphärenpark Großes Walsertal genießen

Zahlen zu Blons

» Einwohnerzahl: 336

» Arbeitsplätze: 43

» Gemeindefläche: 14,88 km²

» Jahresbudget: 1,4 Mill. Euro

» Pro-Kopf-Verschuldung:
Gemeinde 4976,37 Euro,
GIG 6187,78 Euro

» Betriebe: 23

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