Gastkommentar

Monika Helfer

Es war die Nacht

Es war die Nacht, in der die 17-jährige Gisela mit ihrem Freund Liebe machte. Das geschah in einer frommen Gemeinde. Als dann Gisela schwanger wurde, erfand sie die Geschichte einer Vergewaltigung. Sie wurde eingehend ausgefragt, und eingehend erfand sie. Bis in kleine Details tat sie Genüge. Der Täter, behauptete sie, sei aus dem Roma-Haus vor dem Dorf. Sie habe, nachdem sie die Milch vom Bauern geholt hatte, noch Blumen gepflückt, und dabei sei sie von dem Täter überrumpelt worden. Man fand die Milchkanne zu Hause und fragte nicht nach. Weggeworfene Blumen fand der Dorfpolizist auch nicht, keine Fußspuren im Moos, keine im hohen Gras. Es wurde nicht nachgefragt. Die Wut der Dorfbewohner steigerte sich so sehr, dass sie beschlossen, sich mit Schaufeln und Stecken zu bewaffnen, um das Roma-Haus zu stürmen und den Täter festzumachen. Die Roma-Leute waren ahnungslos. Sie lebten weitab von der Geselligkeit des Dorfes und hatten Angst, zu stören.

Der Abend war lau und die Sonne am Untergehen. Die Dorfbewohner schrien und heizten sich an. Die Roma-Leute hörten das Geschrei, aber weil sie selber laute Menschen waren und sich oft schreiend unterhielten, bemerkten sie es lange nicht. Sie waren friedlich, und das laute Reden war nur ihre Angewohnheit. Eine Roma-Frau erzählte, sie sei mit ihrem Kind in den Garten gegangen, um Kraut zu schneiden, da waren die Dorfbewohner schon ziemlich nah. Sie drückte das Kind eng an sich, hielt ihm den Mund zu, und versteckte sich in einem Gebüsch. Die Dorfbewohner jagten die Roma-Leute auf einen Haufen zusammen und droschen auf sie ein. Blut floss, Kinder lagen auf dem Boden und man trampelte auf ihnen herum. Tote gab es sieben. Verletzte über dreißig. Kein Verbandszeug. Kein Arzt.

Die Dorfbewohner verließen das Roma-Haus, die Rache war vollzogen, den einen oder anderen plagte das schlechte Gewissen, aber sie ließen sich nichts anmerken. Der Fall wurde abgeschlossen. Der Metzger brachte einmal in der Woche eine Tasche mit Fleisch und stellte sie den Roma-Leuten vor die Haustür. Er klopfte, denn er wollte vermeiden, dass die frei laufenden Hunde sich über das Fleisch hermachten. Die Frauen warteten bereits auf ihn, dankten mit einem Nicken und zogen das Fleisch ins Haus.

Gisela brachte ein Mädchen zur Welt, ein Gesichtchen weiß wie Milch und wasserblaue Augen. Sie ging zur Beichte und erzählte dem Pfarrer von ihrem Unrecht. Dem wiederum war das Beichtgeheimnis heilig. In einem Rausch erzählte er seinem Nachbarn, was wirklich geschehen war. Da war die Tat bereits verjährt, und die Roma-Leute längst über alle Berge.

Die Roma-Leute selbst erzählten keinem von der bösen Geschichte. Sie dachten, man würde ihnen nicht glauben, man würde sie der Lüge überführen und alles hätte seinen üblen Fortgang.

monika.helfer@vorarlbergernachrichten.at
Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.
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