Dem Legionär ist nichts zu schwer

von Thomas Matt
Germanicus alias Gerhard Sohm an der Ballista, einer römischen Geschossschleuder.  Fotos: VN/Steurer
Germanicus alias Gerhard Sohm an der Ballista, einer römischen Geschossschleuder. Fotos: VN/Steurer

Die spinnen die Römer? Wenn schon. Eine Zeitreise der amüsanteren Art.

Rankweil. (VN-tm) Die Römer haben das Gebiet des heutigen Vorarlberg im 4. Jahrhundert verlassen. Aber jetzt sind sie wieder da. Aus Deutschland und Polen sind sie angereist, die Kämpfer der Legio XXI „Rapax“, der reißenden Legion. In Rankweil-Brederis haben gleich mehrere „Contubernien“ (Zeltgemeinschaften) die Pflöcke in den Boden gerammt. Schmalzgetränkte Tuchfetzen erhellen brennend nachts das Lager. Kein Fernseher flimmert. „Wenn das Handy klingelt, ist das wahnsinnig peinlich“, sagt Gerhard Sohm, der gemeinsam mit den Vorarlberger Legionären die Gäste aus Nord und Ost für dieses Wochenende eingeladen hat. Auch die Germanen. Mit denen will man sich balgen. Die haben es sich inzwischen am Lagerrand bequem gemacht und schauen gerade den Römern beim Exerzieren zu.

„Walram“ oder David Grünenfelder (48) ist aus Wangs im Sarganserland angereist. Wild schaut er aus, mit selbst gefertigtem Speer und einer zerzausten Mähne. „Im Brotberuf arbeite ich mit Behinderten“, sagt er, „hier eben mit Römern.“ Irgendwie ist das alles wie Asterix für Erwachsene. Drüben tanzen grad zwei Legionäre aus der mühsam erarbeiteten Formation, und der Ausbildner brüllt sich die Seele aus dem Leib.

Wer tut sich sowas an?

Warum tut man das? Warum stülpt sich Walter Dieckmann (52) von der Hamburger Wasserschutzpolizei in seiner Freizeit den Helm mit einem Bärenkopf über und trägt das schwere Feldzeichen einer römischen Legion übers Land? Was ist so berückend daran, sich in brütender Hitze Rüstung inklusive Marschgepäck (rund 47 Kilo) aufzuladen? Oder abends Getreidebrei zu futtern?

Gut, heute nicht. Heute speisen sie ein Huhn, wie es die Parther zubereitet haben. Mit Rotwein und Liebstöckel, ganz original. Nur das „Garum“, die berühmte Fischsauce der Römer, muss vom Asiashop bezogen werden. Das monatelange Garen von Fischabfällen wäre einer Nachbarschaft nirgendwo zuträglich.

Warum also die ganze Strapaz‘? Eben deshalb. Dieckmann, der sich hier Cnaeus Tullius Cato nennt, genießt es, dem schnelllebigen Heute zu entfliehen. So wie im Römischen Reich kommen hier viele Ethnien zusammen. Man lerne viel. „Und in jedem steckt in Kind.“

In Robert Lakuta (43) ein großes, gewichtiges. „Laco“ nennt er sich und verkauft profan Fantasy-Bücher. Der Warschauer war früher als mittelalterlicher Ritter unterwegs. „Aber die Rüstung wurde mir zu schwer.“ Also ist er einfach um ein paar Jahrhunderte verrutscht. Alexandra Duda oder „Turbina“ (30) aus Breslau ist eigentlich Kindergärtnerin. Aber wenn sie ihr selbst genähtes, grobes Gewand einer Germanin überstreift, lässt sie den Alltag und alle Probleme hinter sich. So wie Jana Kil (25) aus Augsburg. Die Modedesignerin hat ihr ältestes Kleid umgenäht und das Färben mit Naturfarben erlernt.

So, jetzt wird es aber ernst. Die römischen Legionäre stehen auf freiem Feld. Eine Schar Germanen vor ihnen klopft herausfordernd mit Schwertern und Lanzen auf ihre Schilde. Heisere Kehlen brüllen lateinische Kommandos. Ein Höllenspektakel ist das. Dann stampfen die Römer los. Das lassen sich die Barbaren nicht zweimal sagen. Und der Rest ist einen Augenblick später ein wilder Aufprall, Schreie, Fluchen, Prügel. Und Verletzte. „Die gibt es fast immer“, bestätigt Gaius Flavius Germanicus alias Gerhard Sohm. Aber die Antike ist eben nichts für Weicheier. Dann geht er mal eben hinter die Bäume und zündet sich eine Zigarette an. „Wenn das nur der Optio nicht sieht . . .“

Robert Lakuta aus Warschau legt die Rüstung an.
Robert Lakuta aus Warschau legt die Rüstung an.
Was für eine Keilerei: Treffen Germanen auf Römer, gibt es kein Halten mehr. Kleinere Verletzungen sind einkalkuliert.
Was für eine Keilerei: Treffen Germanen auf Römer, gibt es kein Halten mehr. Kleinere Verletzungen sind einkalkuliert.
Walter Dieckmann ist bei der Hamburger Wasserschutzpolizei.
Walter Dieckmann ist bei der Hamburger Wasserschutzpolizei.

Zeitreise in die Antike

Handwerk, Brot und Spiele bei der Römervilla in Brederis: Heute, Samstag, 5. Juli und Sonntag, 6. Juli verwandeln Gladiatoren, Musiker, Handwerker und exerzierende Legionäre die Römervilla in Brederis in ein römisches Lager. Besucher können typisch römischen Handwerkern über die Schulter schauen, und auch selbst einmal Hand anlegen. Originalgetreue Garküchen bieten allerhand Gaumenfreuden nach römischen Rezepten. Beim Römerfest erhalten Besucher ein anschauliches und lebendiges Bild von der Geschichte, Kultur und Lebensart in Rätien. Das Römerfest ist eine Zusammenarbeit der Marktgemeinde Rankweil, dem Verein der römischen Kultur und Geschichte Vorarlbergs, den Pfadfindern Rankweil sowie dem Bundesdenkmalamt.

Römerfest Rankweil

Samstag, 5. Juli 2014, 14.00 – 22.00 Uhr; Sonntag, 6. Juli 2014, 10.00 – 17.00 Uhr

Freilichtmuseum Römervilla, Kirchstraße in Rankweil- Brederis, beim Römerstadion/Golfplatz

Bei Starkregen kein Programm. Wetterhotline: 0680/3311749

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