Gastkommentar

Monika Helfer

Fressen und gefressen werden

„Doch alle, die dich fraßen, werden gefressen. Jeremia 30, 16-17“ – Dieses Zitat aus der Bibel las die Frau, und es beruhigte sie.

Folgendes war geschehen: Ihr Mann und sie hatten nach langen Überlegungen das hart ersparte Geld für eine Dachwohnung ausgegeben. Dort wollten sie ihren Lebensabend verbringen. Der Vertrag war abgeschlossen, er hatte ihn durchgelesen, sie hatte ihn durchgelesen, auch die Klausel, dass, wenn der Kauf nicht zustande käme, fünf Prozent der Verkaufssumme zu zahlen wären. Er hatte es ihr vorgelesen und gesagt: „Die müssen das schreiben, um sich abzusichern. Hat nichts zu bedeuten.“

Dann geschah es aber, dass der Mann zum Arzt ging, weil er sich seit Wochen nicht gut fühlte, und dort wurde bei ihm Krebs diagnostiziert. Viele Untersuchungen folgten, und es hieß, er habe nur noch ein halbes Jahr zu leben. Also ging er zu der Immobilienfirma und löste den Vertrag auf. Er hoffte auf ein Entgegenkommen. Er war sich sicher, man könnte sich einigen, mit etwas gutem Willen. Fünf Prozent des Kaufpreises waren eine Riesensumme. Man blieb hart. Der Mann wollte nicht jammern und seine Krankheit vorschieben, tat es dann aber doch.

„Fünf Prozent“, sagte er leise, „ist ein Großteil unserer Ersparnisse.“ Man blieb unbeeindruckt. Der Mann ging, ohne sich zu verabschieden. Die Frau Magistra, die er immer so freundlich gefunden hatte, lief ihm nach und sagte: „Vergessen Sie nicht die zwanzig Prozent Mehrwertsteuer.“ Das war so viel, wie er in zwei Monaten verdiente.

Wie sollte er das alles seiner Frau erklären? Sie war tapfer und tröstete ihn, es würde irgendwie gehen. Er sollte nicht sehen, wie verzweifelt sie war. Sie rief die Immobilienfrau an und bat, wenigstens auf die Mehrwertsteuer zu verzichten. Man blieb hart. Da ging die Fantasie mit ihr durch. Sie wünschte diesen gierigen Leuten Böses, stellte sich vor, wie die Frau von ihrem Mann verlassen würde, wie er sie aus dem Geschäft warf. Die Frau würde verarmen, vereinsamen. Sie sah sie weinend auf dem Bett liegen. Auch der Mann würde alles verlieren. Sie sah ihn betrunken im Straßengraben.

Solche Wünsche sind verwerflich, zugegeben, aber es tröstete die Frau, und dann als ihr Mann gestorben war, fand sie diesen Satz in der Bibel. Der tröstete sie doppelt.

Nach einem Jahr traf sie die Immobilienfrau auf der Straße. Sie zog einen Koffer hinter sich her, ihr Mantel war zu dünn für die Jahreszeit, ihre Haare waren keine Frisur, und im Gesicht war alles nackt.

Die beiden Frauen sahen sich an, und was sie sich dabei dachten, war vergebens.

monika.helfer@vorarlbergernachrichten.at
Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.
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