Gastkommentar

Monika Helfer

Ella und Frieda

Seit ihrer Kindheit kannten sich Ella und Frieda. Ella war die schönere und Frida verehrte sie deshalb, auch weil sie sich anscheinend vor nichts fürchtete.

Ella nun, nach vielen Jahren, hatte einen Liebhaber, das empörte Frieda, weil sie nämlich Ellas Mann immer schon vergöttert hatte, ihn so gerne geheiratet hätte, und jetzt wurde er betrogen. Erschwerend kam dazu, dass Ella ihre Freundin um Alibis bat, jedes Mal wenn sie ihren Liebhaber traf, sollte sie bei Frieda gewesen sein. Aber was konnte sie machen! Frieda war treu und schließlich hatten sich die beiden Freundinnen Treue geschworen, ein Leben lang. Sicher war Frida klar, dass nur sie ihr Versprechen halten würde, Ella würde sie jederzeit verraten.

Sie verzweifelte an den Alibis. Was, wenn Ellas Mann bei ihr anfragte? Musste sie dann diesen wunderbaren Mann anlügen? (den sie immer noch wunderbar fand, wunderbarer fast, so männlich!)

Da geschah das Unvermeidliche. Ellas Mann erfuhr die ganze Wahrheit. Er kannte das Hotel, in dem sich seine Frau mit ihrem Liebhaber traf. Auf dem Küchentisch war ein Zettel gelegen: „Bin bei Frieda.“ Das erboste den Mann so sehr, dass er, bevor er ins Hotel fuhr, Frieda aufsuchte und sie zur Rede stellte. Frieda sagte: „Ja, sie ist bei mir, nur gerade ging sie zur Apotheke.“

Ellas Mann drohte ihr mit der Faust: „Nie mehr wirst du mich anlügen, du mittelmäßiges Stück!“ und war hinaus zur Tür.

Frieda ließ sich fallen. Ich bin nur ein kaputtes Spielzeug. Sie war nicht verheiratet, hatte keine Kinder. Sie war mit ihrem Kummer allein auf dem Fußboden. Ich muss mich beurlauben lassen, sagte sie sich, ich kann keine Menschen mehr ertragen.

Ellas Mann ging nicht ins Hotel, um seine Frau in flagranti zu ertappen. Er saß am Küchentisch, rauchte, trank Bier und wartete. Ella kam, frisch parfümiert, küsste ihn leichthin auf die Stirn und stöhnte: „Ach, Frieda, sie kann einem ganz schön auf die Nerven gehen mit ihren Männerwünschen.“ Ihr Mann starrte noch immer. „Wir saßen vor dem Computer und haben einen Mann für sie gesucht, aber nichts, sie ist mit keinem einverstanden!“

Der Mann erhob sich, ging nahe an Ella heran und drückte ihr den Hals zu, bis sie blau im Gesicht anlief. Sie konnte nicht schreien. Sie ließ sich fallen. Er setzte sich wieder und starrte. Ella war nur fast tot. Sie erholte sich und reichte die Scheidung ein. Ihrer Freundin Frieda kündigte sie ihre Freundschaft. „Du bist an allem schuld“, sagte sie. „Ich wünsche dir nur Schlechtes.“

monika.helfer@vorarlbergernachrichten.at
Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.
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