Vorarlberger, über die man spricht. Astrid Bechter-Boss (38)

Trauern kann man lernen

von Thomas Matt
Die Harder Pfarrkirche St. Sebastian nimmt via Namenskärtchen die übers Jahr Verstorbenen in die Mitte. Astrid Bechter-Boss hilft Angehörigen, mit ihrer Trauer klarzukommen. Foto: VN/Matt
Die Harder Pfarrkirche St. Sebastian nimmt via Namenskärtchen die übers Jahr Verstorbenen in die Mitte. Astrid Bechter-Boss hilft Angehörigen, mit ihrer Trauer klarzukommen. Foto: VN/Matt

Astrid Bechter-Boss hilft Menschen, mit ihrer Trauer zu leben. Sie spricht mit Erfahrung.

Hard. (VN-tm) „Wir haben vier Buben.“ Noch immer zählt sie Aaron mit. Ganz selbstverständlich. Da sind Jonas (14), Ruben (5) und Levin (3). „Und Aaron wäre heute zwölf Jahre alt.“

Die karenzierte Religionslehrerin der Mittelschule in Höchst hat ihren Zweit­ältesten im Juli 2003 an die heimtückische Krankheit Meningitis verloren. Wenn sie heute Trauerseminare gibt, „dann biete ich an, was ich damals gebraucht hätte“: eine geschlossene Gruppe, um erzählen zu dürfen und anderen zuzuhören. Sie hat damals in Eigenregie Monate nach Aarons Tod eine Selbsthilfegruppe gegründet. „Wir waren am ersten Abend schon völlig überlaufen.“ In der Rückschau sagt sie: „Das hat mich völlig überfordert.“

„Leicht war es nicht“

All das ist neun Jahre her. Astrid Bechter-Boss packt ihre Erfahrungen in wenige Sätze der schwedischen Kinderbuchautorin Astrid Lindgren. Die schreibt über die Brüder Löwenherz: „Lange saßen sie dort und hatten es schwer, doch sie hatten es gemeinsam schwer, und das war ein Trost. Leicht war es trotzdem nicht.“ Bechter-Boss schüttelt keine Rezepte aus dem Ärmel. Sie weiß: „Trauer braucht Zeit und Raum und Mit-Menschen.“ Das Beieinandersein kann tröstend wirken. Aber es macht den Verlust nicht ungeschehen.

Auch wenn man das noch so sehr wünschte. Anfangs erwacht man in der Früh und zögert noch einen Augenblick im Dämmerschlaf, als wäre das alles ein böser Traum. Wer sich der Trauer in der Folge nicht stellt, „den überfällt sie künftig wieder und wieder hinterrücks und bösartig, wenn man es gar nicht erwartet“. Astrid Bechter-Boss hat diese Phasen hinter sich. Wenn eines ihrer Kinder heute ins Krankenhaus muss, holt sie die Trauer noch ein, „aber es reißt mir nicht mehr den Boden unter den Füßen weg“.

In ihren Trauerseminaren sucht sie mit den Teilnehmern gemeinsam nach Hilfsmitteln für die besonders schwierigen Zeiten. Sie selber hat damals Tagebuch geschrieben. „Die Trauer um mein Kind“ wurde auch Thema ihrer Diplomarbeit.

Die Trauerseminare umfassen maximal 15 Personen. „Anfangs erzählt jeder Teilnehmer lediglich, wie es passiert ist.“ Sobald die Angehörigen aber spüren, dass ihnen zugehört wird – erwartungsfrei und ohne Zwang – „geschieht ganz viel“. Auch wird gemalt, gebastelt und geschrieben. Was immer hilft, unsägliche Gefühle zum Ausdruck bringt, hat Platz.

Informationen im Pfarrbüro Hard, Anmeldung bis 20. November, Tel. 05574/ 73345

Im November 2003 fand Astrid Bechter-Boss den Mut, von ihrem verstorbenen Sohn Aaron zu erzählen.
Im November 2003 fand Astrid Bechter-Boss den Mut, von ihrem verstorbenen Sohn Aaron zu erzählen.

Trauer braucht Zeit, Raum und Mit-Menschen.

Astrid Bechter-Boss

Zur Person

Astrid Bechter-Boss

bietet dreiteilige Trauerseminare an, das nächste ab 1. Dezember.

Geboren: 27. Dezember 1973

Ausbildung: Religionspädagogik, prozessorientierte Gruppenarbeit

Laufbahn: Religionslehrerin, derzeit in Karenz

Familie: verheiratet, vier Söhne

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