Wie Pakete nachts abgegeben

von Thomas Matt
Im Vorarlberger Kinderdorf ließ die BH Baden beide Kinder aus Traiskirchen um zwei Uhr früh abliefern. Unbegleitet. Foto: VN/Riethbaum
Im Vorarlberger Kinderdorf ließ die BH Baden beide Kinder aus Traiskirchen um zwei Uhr früh abliefern. Unbegleitet. Foto: VN/Riethbaum

Trauriger Einblick ins Asylwesen: Wie zwei Kinder nach Vorarlberg verfrachtet werden.

Bregenz. Sie wissen jetzt wenigstens ungefähr, wo sie sind. Drei Tage nach ihrer nächtlichen Odyssee fassen die beiden afghanischen Buben in einer Krisenfamilie des Vorarlberger Kinderdorfs vorsichtig Fuß. Schwierig genug: Ajmal (12) und Dadoun (10) wurden in der Nacht auf Mittwoch um zwei Uhr in der Früh wie Versandware in ­Bregenz abgegeben. Völlig übermüdet und desorientiert. Claudia Hinteregger, Leiterin der Auffanggruppe, musste nur „den Laufzettel“ unterschreiben. Dann ratterte der Bus aus Traiskirchen wieder in die Dunkelheit.

Zurück blieben auf dem Parkplatz des Kinderdorfs zwei Buben mit verschnürten Plastiksäcken in der Hand, ihrer ganzen Habe. Eine halbe Stunde später schliefen sie in sauberen Betten. Ihr „Gepäck“ hatten sie neben die Bettstatt gestellt. Griffbereit.

Zwei Kinder für Vorarlberg

Kinderdorf und Caritas haben inzwischen versucht, die Hintergründe zu recherchieren. „Dass zwei Flüchtlingskinder kommen würden, war vereinbart.“ Die Kinderschutz-Verantwortliche Annelie Kremmel-Bohle fasst die Vorgeschichte kurz zusammen: „Das Land hatte sich bereit erklärt, zwei Kinder aus Traiskirchen zu übernehmen.“ Der Rest lief völlig chaotisch ab.

Das Lager 20 Kilometer südlich von Wien hatte schon viele Bestimmungen. 1898 als k.u.k. Artilleriekadettenschule erbaut, richteten die Nazis 1939 eine ihrer berüchtigten Nationalpolitischen Erziehungsanstalten – kurz „Napola“ – in den 20 Gebäuden ein. Seit 1956 dient das Areal als Flüchtlingslager. Gegenwärtig ist es dreifach überbelegt. 1460 Asylwerber warten hier auf ihr Schicksal.

Eltern? Fehlanzeige

„Der zwölfjährige Ajmal ist Anfang August dort angekommen.“ So viel weiß Claudia Hinteregger jetzt. „Der kleinere Bub, Dadoun, kam später hinzu.“ Die beiden sind nicht verwandt. Sie haben sich in Traiskirchen kennengelernt. Sie schliefen in benachbarten Betten.

Wie sie geflohen sind, weiß niemand. „Ajmal hat mir in Englisch erzählt, dass er ein Jahr lang unterwegs war.“ Seine Familie soll noch in Afghanistan leben. Der Jüngere könnte auf seiner Flucht von den Eltern getrennt worden sein. Aber sicher ist das nicht. Bis jetzt hat auch eine Dolmetscherin nur wenig aus den Buben herausgekriegt.

Die beiden wurden am Dienstag in Traiskirchen mit vielen anderen erwachsenen Asylwerbern in einen Bus gesetzt. Ohne Begleitung. Nur mit zwei Fahrern, die sich am Steuer abwechselten. Claudia Hinteregger hatte seit Montag mit Traiskirchen zu klären versucht, wann die zwei für Vorarlberg bestimmten Kinder ankommen würden. Vergeblich. „Wir haben stündlich mit anderen Menschen in Traiskirchen telefoniert.“ Offenbar war dort niemand für den Transport der Kinder zuständig. Denen hatte man auch nichts gesagt.

An wie vielen Orten der Bus entlang der Strecke Menschen ausgeladen hat, weiß Hinteregger nicht. „Aber es müssen viele Stationen gewesen sein.“ Der Wagen kam nach etwa 12 bis 13 Stunden um zwei Uhr nachts in Bregenz an. Die Kinder hatten keine Ahnung, was sie hier sollten. Sie wussten auch nicht, wo sie waren. „Es ist so paradox“, sagt Annelie Kremmel-Bohle, „hier bei uns sind sie endlich in Sicherheit angekommen und haben keine Ahnung.“ Sie schüttelt den Kopf. Und Kinder- und Jugendanwalt Michael Rauch sagt nur: „Es doch nicht um Asylanten. Es geht um Menschen.“

Inzwischen hat die Jugendwohlfahrt die Obsorge übernommen und kümmert sich mit der Caritas um die Zukunft der beiden Kinder.

Die Kinder waren völlig übermüdet und desorientiert.

Claudia Hinteregger

Es geht nicht um Asylanten, es geht um Menschen.

Michael Rauch

Mehr als 500 Kinder und Jugendliche in Traiskirchen

(VN) Mehr als 500 unbegleitete Minderjährige leben derzeit im völlig überfüllten Erstaufnahmezentrum Traiskirchen. Sie können dort nicht einmal die Schule besuchen. Caritas, Diakonie, SOS Kinderdorf und Asylkoordination Österreich schlugen deshalb vergangene Woche Alarm. Annelie Kreml-Bohle vom Vorarlberger Kinderdorf hat inzwischen mühsam recherchiert, dass 14 Unter-14-Jährige darunter sind. „Sie sind alleine nach Österreich gekommen.“ Für den Kinder- und Jugendanwalt Michael Rauch liegt auch am Beispiel von Ajmal und Dadoun die Missachtung der Kinderrechte auf der Hand.

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