Vorarlberger, über die man spricht. Richard Eberle (49)

Alte Tage „auferweckt“

von Thomas Matt
Richard Eberle hat schon zur Industriegeschichte publiziert und nun die 500 Jahre der Wolfurter Pfarrei aufge-arbeitet. Foto: VN/Matt
Richard Eberle hat schon zur Industriegeschichte publiziert und nun die 500 Jahre der Wolfurter Pfarrei aufge-arbeitet. Foto: VN/Matt

500 Jahre Pfarrgeschichte können so spannend sein, beweist Richard Eberle.

Wolfurt. (VN-tm) Tagsüber sorgt er in leitender Position als einer von 5459 Blum-Mitarbeitern dafür, dass Schränke sich sauber öffnen und wieder schließen lassen, dass Schubladen sanft ein- und ausgleiten. Am Abend aber brütet Richard Eberle über alten Akten und durchstöbert die Archive: Da erforscht er hingebungsvoll, was hinter Schranktüren so alles verborgen liegt.

Geschichte wird lebendig

Richard Eberle schreibt Bücher. „Als Ausgleich.“ Zuletzt über 500 Jahre Pfarre Wolfurt. Da gibt es Spannenderes? Er lächelt. Milde. Es geht ja nicht um verstaubte Taufregister. Behende schlägt Eberle das Kapitel „Ereignisse und Histörchen“ auf, schon sieht man sich dem Pfarrer Sebastian Fischer gegenüber. Der 1572 in Dillingen studiert hat. Der drei Jahre später Wolfurter Pfarrer wurde. Der mit der Christina Müchslin wenigstens fünf Kinder zeugte und sich erst auf Druck des Kardinals ins wieder in Mode gekommene Zölibat gefügt hat. „Ein direkter Vorfahr unseres Alt-Bischofs“, fügt Eberle an, und sein Buch strotzt auf 269 Seiten geradezu vor aktueller Bezüge.

Geschichte hat den gebürtigen Wolfurter immer interessiert. Ob die Erzählungen der Großmutter und des Vaters den Ausschlag gaben? Richard Eberle will bis heute „verstehen, weshalb die Dinge sind, wie sie sind“. Wie sind politische Verhältnisse entstanden? Wie hat das Land sich wirtschaftlich entwickelt? Eigentlich greift Eberle am liebsten Unterlagen so ab 1850 auf. Kunststück: Hat sich Vorarlberg in den vergangenen 150 Jahren doch unglaublich verändert. Auch davon erzählt Eberles Buch über die Wolfurter Pfarrei. Um 1857 zieht der damalige Pfarrer leidgeprüft Bilanz: 59 Männer und 54 Frauen haben der Hofsteiggemeinde als Auswanderer den Rücken gekehrt. Und Eberle schreibt: „Als der amerikanische Bürgerkrieg wenige Jahre später den Exodus stoppte, lebten bereits über zehn Prozent der Wolfurter in Amerika.“

Eberle spart nichts aus. Auch die Nazi-Zeit nicht. Er will „nichts schön reden“, aber auch nicht anklagend zu Felde ziehen. Oft genug sprechen die Fakten für sich allein. Wenn er etwa davon erzählt, dass das prächtige bronzene Geläute der Wolfurter Pfarrkirche kurz nach der Jahrhundertwende noch 27.000 Kronen gekostet hat und der stählerne Ersatz dann im Gefolge des Ersten Weltkriegs 200 Millionen Kronen, schimmert zwischen den Zahlen das Elend dieser Jahre durch. Auf so etwas stößt Eberle, wenn er Archive durchstöbert. So macht er Vergangenes lebendig.

Richard Eberle: „Pfarre Wolfurt St. Nikolaus – Geschichte und Geschichten aus 500 Jahren“, 272 Seiten, 204 Illustrationen, Verlag Pfarre Wolfurt, ISBN 978-3-85298-187-1, 32 Euro

Ich möchte verstehen, warum die Dinge sind wie sie sind.

Richard Eberle

Zur Person

Richard Eberle

hat aus Anlass des Jubiläums „500 Jahre Pfarre Wolfurt“ die Geschichte der Hofsteiger Pfarren und Klöster in ein Buch gepackt.

Geboren: 1963

Ausbildung: studierte Wirtschaftsingenieurwesen für Maschinenbau an der TU Graz

Laufbahn: Tätigkeiten im Produktionsmanagement des Leuchtenherstellers Zumtobel in Dornbirn, Deutschland und den USA. Seit 2005 in der Produktionsleitung der Julius Blum GmbH

Familie: verheiratet, drei Kinder

Vortrag im Cubus

Bischof Kräutler zu Gast: „Setzt Euch füreinander ein“

Anlässlich des 500-Jahr-Jubiläums der Pfarre Wolfurt ist der Koblacher Missionsbischof Erwin Kräutler am Mittwoch, 24. Oktober, um 20 Uhr im Wolfurter Cubus zu Gast. Der Träger des alternativen Nobelpreises erzählt von seiner Arbeit: „Setzt Euch füreinander ein – Vom Altar auf die Straße“ ist der Titel seines Vortrags.

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