VN-Interview. Autorin Rita Bertolini und Filmemacher Frank Mätzler

„Die Begegnungen haben unser Denken grundlegend entstaubt“

von Martina Zudrell
Ein Jahr Arbeit steckten Frank Mätzler und Rita Bertolini in das Buch „Allmeinde Vorarlberg“ und den dazugehörigen Film. Foto: VN/Steurer
Ein Jahr Arbeit steckten Frank Mätzler und Rita Bertolini in das Buch „Allmeinde Vorarlberg“ und den dazugehörigen Film. Foto: VN/Steurer

Mit Neugier und Wissenshunger widmeten sie sich ein Jahr lang den Genossenschaften.

Bregenz. Das Jahr 2012 wurde von den Vereinten Natio­nen zum Internationalen Jahr der Genossenschaften erklärt, um deren Beitrag zur Entwicklung der Gesellschaft hervorzuheben. Auch deshalb haben die Autorin Rita Bertolini und ihr Mann, der Filmemacher Frank Mätzler, über ein Jahr lang unzählige Mitglieder von Genossenschaften und Allmeinden in Vorarlberg besucht. Daraus ist das Buch- und Filmprojekt „Allmeinde Vorarlberg. Von der Kraft des gemeinsamen Tuns“ entstanden. Der Versuch, den Begriff „Genossenschaft“ zu entstauben, endete darin, „dass unser Denken grundlegend entstaubt wurde“, sind sich Rita Bertolini und Frank Mätzler einig. Denn Genossenschaften erweisen sich, wie sich zeigte, nach wie vor als aktuell.

Ein gutes Jahr ist seit der Präsentation Ihres letzten Buches „Landpartie“ vergangen, und nun erscheint Ihr neuestes Werk „Allmeinde Vorarlberg“. Um was geht es darin?

Bertolini: Ausgangspunkt war das von den Vereinten Nationen ausgerufene Jahr der Genossenschaft. Es entstand die Idee, einmal zu schauen, welche Genossenschaften es überhaupt im Land gibt. Es ist sozusagen eine Bestandsanalyse von Genossenschaften.

Mätzler: Es ging natürlich auch darum, dem Begriff Genossenschaft, den man getrost als verstaubt bezeichnen kann, auf den Grund zu gehen. Verstaubt deshalb, weil Genossenschaften nie aktiv in die Medien wollten und weil sie spätestens seit Reagan und Thatcher so ziemlich das Uncoolste auf der Welt waren. Der Begriff wurde lange Zeit bewusst klein gehalten. Doch spätestens seit dem Jahr 2000 und den aufkeimenden Krisen wird man auf einmal solidarisch und besinnt sich dieser Werte. Den UN wird auch bewusst geworden sein, dass Genossenschaften speziell für die zweite und dritte Welt das einzige Rettungskonzept ist. Doch gerade dort sind Genossenschaften nicht wahnsinnig beliebt. Bei uns hingegen sind sie etabliert und enorm wichtig.

Welche Rolle spielen Genossenschaften in Vorarlberg?

Bertolini: Fast jeder zweite Vorarlberger ist mit dem Thema Genossenschaft konfrontiert, weil diese sehr viele Mitglieder haben. Die Raiffeisenbank beispielsweise, die auch eine Genossenschaft ist, hat 80.000 Mitglieder. Es gibt aber natürlich auch viele kleine Genossenschaften.

Wie entstanden die ersten Genossenschaften in Vorarlberg?

Bertolini: Ausgegangen ist alles vom Prinzip des schottischen Textilunternehmers Robert Owen, der als Genossenschaftsbegründer gilt. In Vorarlberg war der Schoppernauer Franz Michael Felder 1866 einer der ersten, der das Motto „Hilfe zur Selbsthilfe“ in der Zeit der Not aufgenommen hat. Er schnappte dieses Prinzip auf, um Kleinbauern im Bregenzerwald zu helfen, die von gierigen Geldverleihern abhängig waren. Daraufhin wurde auch die erste Käsereigenossenschaft aufgestellt.

Der Wolfurter Wendelin Rädler versuchte etwa zur selben Zeit, den Menschen in Vorträgen das Prinzip Raiffeisen schmackhaft zu machen. Doch niemand hat ihm zugehört. Den Menschen ging es offenbar noch zu gut. Mit dem Rheinhochwasser 1888 in Lustenau änderte sich die Situation. Sie bekamen kein Geld mehr, und so kam die Idee von Rädler – dass man eine Bank auf genossenschaftlicher Basis aufstellt – zum Zug. Kurz davor gab es 1875 die ersten Konsumgenossenschaften in Hard.

Mätzler: Generell kann man sagen, dass Genossenschaften immer dann auf den Plan gerufen werden, wenn die Not so drastisch ist, dass man sich nur noch selber helfen kann.

Sind Krisen auch der Grund, dass auch in Vorarlberg neue Genossenschaften gegründet werden?

Bertolini: Ja, in letzter Zeit gab es ein Umdenken, weil Krisen wieder aktuell sind. Und die Kommunen sind pleite.

Mätzler: Früher ging es bei Genossenschaften hauptsächlich um Darlehen. Jetzt können diese schon teil­politisch werden, indem sie Teilbereiche übernehmen, mit denen die Kommunen überfordert sind. Dadurch entstehen neue Modelle,
wie man Gemeinwohl verwaltet.

Passend zum Buch gibt es auch einen 45-minütigen Film. War das von vornherein geplant?

Bertolini: Eigentlich war zuerst der Film geplant. Und dann kam – weil wir ja verheiratet sind und uns jeden Tag treffen – die Idee, uns gemeinsam auf den Weg zu machen.

Mätzler: Obwohl sich manche Themen decken, ist es kein Buch zum Film und auch nicht umgekehrt. Es sind zwei eigenständige Werke in zwei künstlerischen Ebenen.

Das 416 Seiten starke Buch „Allmeinde Vorarlberg“ von Rita Bertolini samt Film von Frank Mätzler ist ab morgen um 34 Euro im Buchhandel erhältlich.

Zur Person

Rita Bertolini

Autorin

Geboren: 1966 in Egg, wohnhaft in Bregenz

Ausbildung: Designateurin für Stoffdruck, arbeitet seit 1990 als Buchdesignerin und Grafikerin und gab 2008 ihr Debüt als Autorin

Familie: ein Mann, eine Katze und eine Großfamilie im Bregenzerwald

Hobbys: schöne Bücher

Frank Mätzler

Verantwortlicher für den Film

Geboren: 1957 in St. Gallen, wohnhaft in Bregenz

Ausbildung: Ausbildung zum Industriedesigner, arbeitete viele Jahre in der Werbebranche, bevorzugt im IT- und Filmbereich.

Familie: verheiratet

Hobbys: interessante Filme

Auszüge aus dem Buch jeden Freitag in den VN

Was sind Genossenschaften? Was machen Genossenschaften? Und welche handelnden Personen verstecken sich dahinter? Diesen Fragen geht Rita Bertolini in ihrem morgen erscheinenden Buch „Allmeinde Vorarlberg“ auf den Grund. Das Buch zeigt die verschiedensten Genossenschaften und Allmeinden wie beispielsweise den Vorarlberger Metzgerverband, Regionalentwicklung Vorarlberg, Rosa’s Lädele oder das Allmeingut Essen. Die VN stellen in den nächsten Wochen gemeinsam mit Rita Bertolini einige Genossenschaften sowie deren Mitglieder vor. Abgedruckt werden die Auszüge aus dem Buch jeweils am Freitag auf der vorletzten Seite der Zeitung.

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