Der Kloser lässt das Dampfen nicht

von Thomas Matt
Reinhard Kloser (l.) und Sigi Garnitschnig beraten nächste Schritte. Kloser gab sich über den Zustand keiner Illusion hin: „Was bei den Briten ,perfect running order‘ heißt, ist bei uns eine Vollrestaurierung.“ Fotos: VN/Matt
Reinhard Kloser (l.) und Sigi Garnitschnig beraten nächste Schritte. Kloser gab sich über den Zustand keiner Illusion hin: „Was bei den Briten ,perfect running order‘ heißt, ist bei uns eine Vollrestaurierung.“ Fotos: VN/Matt

Der „Vater der Hohent­wiel“ macht britische Dampfyacht für den Bodensee flott.

Hard. In der Werkhalle der Harder Zimmerei Hartmann steht ein unerhört schlanker Rumpf, der bis Dezember 2011 noch die Themse durchpflügt hat. Das Steuerrad hielt der ergraute Eaton-Professor Geoffrey Desborough. Ließ die Dampfpfeife ertönen, wenn er an Windsor Castle vorbei glitt. Und gönnte sich im kalten Winterwind eine Tasse heißen Tees aus dem „Lake Windermere Tea Kettle“.

„Der muss wieder drauf“, bekräftigt Reinhard Kloser (64) und versetzt dem nagelneuen Dampfkessel einen liebevollen Klaps. Denn Mr. Desborough hat seine „Duchess of Argyll“ im Dezember verkauft. Nach Hard am Bodensee. Hier wird sie restauriert. Im Frühjahr 2013 wird sie wieder vom Stapel laufen. Frisch beplankt ist sie schon.

Für den langjährigen Kapitän, der vor über 20 Jahren den Raddampfer „Hohentwiel“ zum schönsten Schiff am See restauriert hat, ist es ein Heimspiel. Hubert Hartmann hat sich schon bei den Holzarbeiten an der „Hohentwiel“ bewährt. Der Dritte im Bunde heißt Erich Hoop. Der Liechtensteiner Kaufmann fährt in seiner Freizeit einen Sportwagen der Marke Brasier Racer, Baujahr 1908. Mit 9,8 Litern Hubraum. Er war es auch, der im Internet die britische Anzeige zum Verkauf eines Dampfschiffs sichtete.

„Schon anderntags flogen wir in seinem Privatjet nach England“, erinnert sich Kloser. Bei klirrender Dezemberkälte fuhren sie das Dampfschiff, das 1883 in Schottland gebaut worden war, zur Probe. Und kauften es. Für 55.000 Pfund (68.000 Euro). Vier Tage später hatte die „Duchess of Argyll“ ihre große Reise hinter sich. Die Rankweiler Road International Transport & Logistics Ges.m.b.H hatte einen Sattelzug mit dem größtmöglichen Dreiachsauflieger hochgeschickt, um die Lady sicher nach Vorarlberg zu bringen.

Und hier liegt sie nun. Die Aufbauten sind verschwunden. Das rot-weiße Verdeck auf gedrechselten Säulen kehrt auch nicht wieder. Weiße Sonnensegel werden künftig für Beschattung sorgen.

Umfangreich instand gesetzt

Den Bootsrumpf haben die „Hartmänner“ gemeinsam mit dem pensionierten Bootsbauer Sigi Garnitschnig Zentimeter für Zentimeter wieder instand gesetzt. Den neuen Kessel hat die Firma Bertsch geschmiedet. Das viel zu kleine Ruder wurde durch ein größeres ersetzt. Die alte Dampfmaschine mit ihren bescheidenen zehn PS hat Kloser gegen eine Dreifach-Expansions-Dampfmaschine mit Marschall-Steuerung ausgetauscht. 25 PS bei 250 Umdrehungen treiben auch das einzige Schwesterschiff der „Duchess“ in England an.

Dass selbst die „neue“ Maschine ein Original der Firma Sisson aus Gloucester von 1906 darstellt, bedarf keiner besonderen Erwähnung. Kloser fand das Schmuckstück in Bodman. In den 1970er-Jahren hatte der dort gegründete Dampfbootverein den betagten Antrieb in den Vereinigten Staaten erworben. Einer wie Kloser weiß so was eben.

Die „Duchess of Argyll“ wird kommende Woche kurz ins Wasser gehoben, „um zu sehen, wie sie liegt“. Künftig wird sie in einem eigenen Bootshaus auf dem Hartmann-Gelände zu Hause sein und von zwei Kränen nach Bedarf gewassert werden.

Zum ersten Mal soll das am 1. Mai 2013 der Fall sein. Dann wird Reinhard Kloser ein paar Buchenscheiter in die Glut legen und geräuschlos auslaufen. Die „Duchess“ muss gratulieren gehen. Denn gleich nebenan liegt die „Hohentwiel“. Klosers „Erstlingswerk“ wird am 1. Mai 100 Jahre alt. Und kriegt ein Schwesterchen zum Geburtstag. Ist das nicht reizend?

So sah das 3,5-Tonnen-Schiff im Dezember in England aus.
So sah das 3,5-Tonnen-Schiff im Dezember in England aus.
Ein Teekessel wird auch künftig auf dem Dampfkessel thronen.
Ein Teekessel wird auch künftig auf dem Dampfkessel thronen.
Arbeit ist noch genug. Ab Mai 2013 wird das Boot wieder flott sein.
Arbeit ist noch genug. Ab Mai 2013 wird das Boot wieder flott sein.
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