Gastkommentar

Kurt Bracharz

Ein schwaches Gefäß

Diese Zeilen hier habe ich vor ein paar Tagen geschrieben, aber es müsste schon mit dem Teufel zugegangen sein, wenn Papst Benedikt XVI. Hildegard von Bingen gestern nicht zur Kirchenlehrerin erklärt haben sollte. Eine Voraussetzung dafür war ihre Heiligsprechung, und die hatte er als „gleichwertige Kanonisierung“ am 10. Mai 2012 vorgenommen. Der erste Antrag auf Hildegards Heiligsprechung war 1227 ergangen, blieb aber erfolglos. Ebenso scheiterte ein zweiter Versuch im 15. Jahrhundert. 1584 wurde Hildegard trotzdem in das Heiligen- und Seligenregister Martyrologium Romanum aufgenommen. Erst 1987 erhob eine Bischofskonferenz wieder die Forderungen nach Kanonisierung und Erhebung in den Rang einer Kirchenlehrerin, denen Papst und Kongregation mittlerweile nachgekommen sind.

Die Hildegard-Köchinnen können sich jetzt die Hände reiben: Seit gestern ist es also eine Albertus Magnus, Anselm von Canterbury, Johannes vom Kreuz oder Teresa von Ávila gleichgestellte Kirchenlehrerin, die zum Beispiel empfahl, vom Maulwurf nur die Leber, nicht aber das Herz oder die Lunge zu essen, oder ein Rezept für die Zubereitung des Schweinsigels gab (in Wasser kochen, mit Zimt, Bertram und Pimpernell würzen). Nun ja, zugegeben: Im Dinkel- und Muskatrausch der angeblich von der Äbtissin inspirierten, in den letzten Jahren erschienenen „Hildegard“-Kochbücher werden solche heute allzu merkwürdig anmutenden Empfehlungen natürlich niemals erwähnt, dafür wissen die Verfasserinnen prophetischerweise, was Hildegard (1098 – 1179) von den ihr unbekannten, weil in Amerika heimischen Kartoffeln, Tomaten, Mais, Pute usw. gehalten hätte.

Die Erhebung zur Kirchenlehrerin (eine Person, die den Menschen die Lehre des eigentlichen Kirchenlehrers Jesus Christus besonders nahe bringt) verdankt Hildegard natürlich nicht den ihr zugeschriebenen (aber wohl kaum tatsächlich von ihr diktierten) Schriften über Tiere, Pflanzen und Steine, aus denen ausgesuchte Details zu Hildegard-Medizin und -küche zusammengeklaubt wurden, sondern Aussagen, die gut zu Benedikts kirchlichem Kurs passen, zum Beispiel: „So dürfen auch keine Frauen zu diesem meinem Altardienst hinzutreten, weil sie ein schwaches und gebrechliches Gefäß sind. Sie sind dazu bestellt, Kinder zu gebären und die sie gebären, sorgfältig aufzuziehen.“

kurt.bracharz@vn.vol.at
Kurt Bracharz ist Schriftsteller und lebt in Bregenz.
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